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Lieber Herr Splett,
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Es beginnt ein reger Mail-Verkehr, wobei schnell klar wird, daß Herr Balk tatsächlich ein Philosoph von reinstem Schrot und Korn ist. Er beschäftigt sich intensiv mit meiner Web-Site und reflektiert mir die wichtigsten Aussagen. Dieser Austausch hat mich ungemein inspiriert. Als Norbert Balk im Sommer 2000 mit seinem ältesten Sohn Jonas nach Deutschland kommt, besucht er uns für zwei Tage. Danach steht fest: Im November – in Argentinien ist dann Frühling – reisen wir nach Verónica. Wir, das sind meine Frau Brigitte und ich. Es bleibt keine Zeit für Vorbereitungen und meine Aktivitäten gehen bis zum letzten Tag. Es ist schwierig, für drei Wochen eine Vertretung für unsere Pferdewirtschaft zu organisieren. Zwei meiner Reitschüler, Jörg und Flavia, übernehmen die Aufgabe, die Pferde bei Laune zu halten. Schnell wird gepackt und los geht's. |
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Im Flugzeug können wir zum Glück einige Stunden schlafen. Bei der Zwischenlandung in Sao Paulo/Brasilien müssen wir für eine Stunde das Flugzeug verlassen und werden von einer schwülen Hitze förmlich erschlagen. Hoffentlich ist es in Argentinien nicht auch so feucht-heiß, immerhin liegt das Land 1.200 Kilometer weiter südlich. Dann ist es soweit. Wir haben unser Ziel erreicht. Am Flughafen von Buenos Aires erwarten uns Norbert und sein Freund Guillermo (sprich: Gischermo), ein Argentinier italienisch-spanischer Abstammung. Ihn sollen wir während unseres Aufenthaltes noch so lieb gewinnen, daß es uns ein Bedürfnis ist, uns für die fantastischen Eindrücke und die einmaligen Kontakte, die er uns verschafft, zu revanchieren. Er wird uns daher im Frühjahr 2001 für drei Monate besuchen. In der Zeit werde ich ihn so weit wie möglich ausbilden. Ich bin mir sicher, daß er danach einen sensiblen Umgang mit der Kreatur Pferd in das Land der Machos tragen wird. Dort gibt es einen immensen Bedarf. Aber weiter: Direkt von Flughafen geht es vollbepackt mit Norberts Auto nach San Antonio de Areco, welches in diesen Tagen das Zentrum der Gauchokultur sein soll. Die jährliche Fiesta der Gauchos steht bevor. Erwartet werden Gauchos verschiedener Regionen mit etwa 1.500 Pferden der hier vertretenen Rassen, dazu Trachten sowie Demonstrationen ihres Könnens. In Erwartung dieses Abenteuers sind wir plötzlich gar nicht mehr müde und sehr gespannt, was uns erwartet. |
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Über gebührenpflichtige Stadtautobahnen mittlerer Qualität gelangen wir in die Vorstadtviertel des Molochs Buenos Aires, einem fortwährend gärenden Schmelztiegel unterschiedlichster Kulturen, einem Treffpunkt enormen Reichtums und bitterster Armut, einer Stadt, die krassere Gegensätze bietet als Paris, die schaurig schön, protzig, anmutig, quirlig-lebendig und zugleich melancholisch-depressiv anmutet. Am eindrucksvollsten spiegelt dieses Szenario der Tango wider. Ebenso wie das Polospiel ist er das Pseudonym von Buenos Aires schlechthin. Beide gehören sie genau hier hin, und nirgendwo anders können sie ihre Wurzeln haben. Im Vorstadtbereich wirken die weitläufigen Elendsviertel, kreuz und quer mit primitivsten Mitteln errichtet und mit Wellblech eingedeckt, ernüchternd. Es stimmt nachdenklich, wenn erklärt wird, daß Argentinien eines der fortschrittlichsten und wohlhabendsten Länder Lateinamerikas ist. Unser erstes Etappenziel gilt einem deutschen Lehrer namens "Frieder", der an einer Schule in Buenos Aires arbeitet. Kurz bevor wir Frieders Haus auf dem Land nahe unserem Zielort erreichen, gibt es einen Regen, den ich in dieser Form nur in Südamerika erlebt habe. Innerhalb von Minuten sieht man die Straße nicht mehr; der Wasserstand beträgt 20-30 Zentimeter. Unbefestigte Wege sind mit Pkw absolut nicht mehr zu befahren. Über viel Nachfragen finden wir schließlich einen Schleichweg, über den wir zum Landhaus gelangen. Der Hauptweg ist völlig abgesoffen. Es wird bis zum nächsten Morgen durchregnen, was dazu führt, daß in San Antonio de Areco nur der Umzug der Gauchos, nicht aber die Wettbewerbe stattfinden können. Das ist nicht nur für die Gauchos, sondern auch für die Region ein schwerer Schlag. Lange hat man dieses Spektakel vorbereitet und es wird viel Geld in den Sand gesetzt. |
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Frieders Frau Sabine, Argentinierin mit italienischer Abstammung und Lehrerin mit Studium der Philosophie in Deutschland, spricht akzentfrei Deutsch. Auch die beiden Kinder Veronica und Thomas wachsen zweisprachig auf. Frieder hat die argentinische Landesmentalität im Vergleich zu allen Europäern, die ich dort kennengelernt habe, am meisten verinnerlicht. Er spricht phantastisch die Landessprache und hat auch die innere Ruhe und Gelassenheit der Argentinier, die manchmal an Fatalismus grenzt, übernommen. Er betreibt auf dem Lande ein Ferien- und Freizeitcamp, in dem Jugendgruppen in Zelten campieren und in einer naturnahen Weise Abenteuerferien genießen können. Es gibt um das Camp herum viele Wildtiere. Zum Gelände selbst gehören 12 campeigene Pferde, die von einem 50jährigen Gaucho betreut werden. Eine Besonderheit lerne ich kennen: Frieder hat ein Feld von etwa 2 Morgen mit Hafer und Alfalfa eingesät. Den noch grünen Hafer läßt er stundenweise durch die kleine Herde beweiden – das ist seine Kraftfuttergabe. Anschließend werden die Pferde wieder ins weite Land getrieben. Wir verbringen mit Frieders Familie einen wunderschönen Abend. Sie teilen ihr Haus wie selbstverständlich mit uns. Die Gastfreundschaft ist in Argentinien überhaupt so ausgeprägt, daß es für einen Deutschen beschämend ist. Jeder gibt das Letzte, um es dem Gast so angenehm wie möglich zu machen – und das ohne jede Berechnung oder Erwartungen. Nach dem Frühstück heißt es Abschied nehmen, nachdem wir uns im nächtlichen Philosophieren sehr nahe gekommen sind. |
Die schönsten Teile sind an die 100 Jahre alt, sie werden ehrfürchtig behandelt und von Generation zu Generation weitergegeben. Eine komplette, schön verzierte Ausrüstung hat einen Wert von über 2.000 $. Dafür muß ein Gaucho lange und hart arbeiten. Der argentinische Sattel – die "montura" – baut sich wie folgt auf:
Es ist schon ein gehöriges Paket, was der Reiter unter dem Popo hat. Es ist vom Gewicht her sehr leicht und komfortabel. Bei langen Ritten in unebenem Gelände tausche ich diese montura gerne gegen meinen besten Westernsattel ein. Es gibt nichts Bequemeres. Allerdings ist man weit weg vom Pferd, sensible Einwirkungen über den Sitz sind daher schwierig. |
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Der Gaucho reitet aber ohnehin überwiegend über Zügeleinwirkung, Schenkelhilfen werden kaum verwandt. Alles wird mit einer Zügelhand erledigt. Damit wird gesteuert: Der äußere Zügel wird ohne Spannung zum obligatorischen Stangengebiß an den Hals angelegt und das erfahrene Pferd weicht sofort, weiß es doch aus Erfahrung, daß es ansonsten einen Klaps mit dem "rebenque" erhält. Das ist ein ca. 30-40 Zentimeter langer Stab, der an der einen Seite einen harten runden Knauf, an der anderen Seite eine Lederpatsche hat. Dieser rebenque wird dem Pferd auf der äußeren Seite an den Kopf gehalten, so daß es davor weicht. Da der Gaucho nicht zimperlich ist, kann man sich unschwer vorstellen, warum alle Pferde dem äußeren Zügel sofort weichen. Die Pferde sind sehr leicht zu reiten, sie "funktionieren" absolut zuverlässig. Aber dazu später mehr. Das Anhalten und Umdrehen der Pferde wird ebenfalls einhändig ausgeführt. Dabei wird der Zügel allerdings hart nach hinten bzw. hinten/innen angenommen. Ein Stop aus vollem Galopp dauert bis zu 15 Metern und ist mit unserem Verständnis nicht schön anzusehen. Der Gaucho legt keinen Wert auf Beizäumung bzw. eine tiefe Kopfhaltung. Er läßt das Pferd im Maul weitgehend in Ruhe. Außer bei Manövern kann es seine natürliche Selbsthaltung einnehmen. Auffällig ist, daß die meisten Pferde dabei von alleine eine sehr schöne tiefe Kopfhaltung einnehmen. Sporen habe ich nur zu Showzwecken im Einzelfall gesehen. Zu diesen festlichen Anlässen trägt der Gaucho auch die traditionellen Rohlederstiefel, die aus dem Leder des Hinterbeines eines Pferdes gewonnen werden. Diese Stiefel sind aus einem Stück; die obere Öffnung bliebt zum Einstieg, die untere Öffnung wird unter dem Fußballen zusammengeschnürt. Eintretendes Wasser kann hier sofort wieder abfließen. Bei der Alltagsarbeit trägt der Gaucho Gummistiefel oder Leinenschuhe ähnlich den spanischen espandrillos. Es gibt zwei Arten von Steigbügeln. Sehr enge Bügel aus unterschiedlichen Materialien, die soeben die Zehen aufnehmen. Mit diesen Bügeln werden Jungpferde eingeritten. Der Reiter darf dabei auf keinen Fall in den Bügeln hängenbleiben, wenn er stürzt. Die Alltagsbügel sind den Steigbügeln der Westernsättel ähnlich und sehr komfortabel. Immer sind die Bügel schwer, hängen quer zum Pferd und mit dem Fuß ausgesprochen leicht zu finden. |
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Bei den Zäumungen habe ich zwei Varianten gesehen: Das Jungpferd wird zunächst gebißlos geritten, ein Lederriemen wird unterhalb der Zunge des Pferdes in Höhe der Zahnlücke um den Unterkiefer geschnürt. An dem Lederband befinden sich zwei Metallringe, an denen die Zügel befestigt sind. Weiß das Pferd, was von ihm verlangt wird, erhält es die traditionelle Kandare, die über die Kinnkette auf die Kinngrube, auf den Laden, durch eine eingebrachte Rolle auf die Zunge und über den Port auf den Gaumen einwirkt. Die Shanks (patas bzw. Hebel) sind sehr kurz. Dadurch wirkt die Kandare ausgesprochen direkt. Es gibt sie aus Eisen, aber auch aus Edelstahl. Viele Gauchos fertigen sich fast die komplette Ausrüstung selber an. Das Rodeo der Gauchos ist die "jineteada". Hier gibt es spektakuläre "Machospiele". Der Gaucho profiliert sich über ein wildes Pferd, das er zu bändigen weiß. Ein Pferd, welches beim Aufsitzen etwa lammfromm stehenbleibt, ist hier nicht gewünscht. Mit einem Satz schwingt sich der Gaucho auf das wild tänzelnde Pferd. Das habe ich selbst bei über 50jährigen Männern bewundern können – erst recht bei halbwüchsigen Bengels. Es ist schon beeindruckend, zumal die Männer dort eher klein von Wuchs sind. Ich war dort mit meinen 1, 95 Metern ein wahrhaftiger Riese. Hätte ich versucht, auf eines der Pferde zu springen, hätten sich die Zuschauer vermutlich totgelacht, daß ich bei meiner Körperlänge nicht auf das Pferd gekommen wäre. So habe ich mir das Üben für zuhause aufbewahrt! |
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Die in Argentinien vertretenen Pferderassen sind schnell aufgezählt:
Die erfolgreichsten Polopferde sind eine Mischung aus Criollo und Englischem Vollblut, enorm bemuskelt und sehr hochbeinig. Sie sind in der ganzen Welt begehrt. Die erfolgreichsten Polospieler kommen ebenfalls aus Argentinien. Das Niveau der englischen Nationalmannschaft entspricht, Insidern zufolge, dem der ersten argentinischen Jugendmannschaft!! |
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Ein Highlight, von dem ich unbedingt erzählen muß, sind die tropillas (sprich Tropischas): Ein Gaucho reitet einen Wallach und führt eine Leitstute als Handpferd, die eine Glocke ähnlich den Kühen auf der Alm um den Hals trägt. Eine Gruppe von bis zu 8 Wallachen gleicher Farbe wird auf diese Stute geprägt. Niemand erzählt, wie das gemacht wird, es ist ein Geheimnis. Allerdings hat man mir hinter vorgehaltener Hand gesagt, daß dies mit Druck erreicht wird, indem man das Weggehen von der Stute sanktioniert. Diese Wallache halten sich dann quasi auf Tuchfühlung zueinander und zu der Stute. Die Glocke und die Stimme mit Kommandos des Gauchos sind relevant für das Verhalten. Der Gaucho kann jede Figur reiten, und ist sie noch so eng, die Wallache vollziehen sie mit. Schließlich werden etwa 200 Wallache in eine Arena getrieben und vermischen sich – ein einmaliges Spektakel. Dann reiten die Gauchos mit ihren Stuten gleichzeitig ein und suchen ihre tropilla zusammen. Die tropilla ist ein Showbild mit langer Tradition. Es gibt kaum eine estancia (Ranch zur Rinder- und Pferdezucht, die oft Größen von 5000 Hektar und mehr hat), die keine eigene tropilla unterhält. Der Ehrgeiz eines jeden Verwalters ist es, eine gute tropilla zu kreieren. Die ganze tropilla hat einen Wert von etwa 10.000 $. Das ist für den Gaucho sehr viel Geld, denn er verdient im Schnitt lediglich 400 – 500 $ im Monat. Das einzelne Pferd der Gruppe hat nicht eingeritten einen Wert von 300 $. Ausgebildete Arbeitspferde kosten 600 $, mit Farbbonus maximal 1.000 $. Für 2.000 $ erhält man ausgesuchte Superpferde, die einem das Herz höher schlagen lassen. Während unserer Reise hätte ich mühelos einen Transport von 12 Pferden zusammenbekommen, die auch bei uns verwöhnte Herzen hätten höher schlagen lassen. Aber bei einem Dollarkurs von ca. 2, 40 DM und Transportkosten von 5.000 $ für 4 Pferde läßt man den Gedanken an Pferdekauf gegenwärtig schnell wieder fallen. |
Noch bunter als die Pferde wirken die verschiedenen Menschenschläge. Es wird deutlich, daß Argentinien ein Einwandererland ist. Die unterschiedlichsten Nationalitäten haben sich hier vermischt zu einem farbenfrohen Panorama einmaliger Charaktere. Die Atmosphäre ist friedlich und positiv. Es gibt keinen Ehrgeiz, kein sich gegenseitig Ausstechen, keinen Neid und keine häßlichen Szenen im Umgang mit den Pferden oder unter den Menschen. Auch scheint es niemandem den Tag zu verderben, daß die Spiele witterungsbedingt ausfallen müssen. Es gibt halt ein nächstes Jahr – eine argentinische Tugend! Was mir immer wieder auffällt, ist die Achtung vor dem Pferd. Es ist hier Arbeitspartner, auf den man angewiesen ist, aber darüber hinaus läßt man es artgerecht im Herdenverband leben. Gespräche mit Teilnehmern der Fiesta bringen zutage, daß nicht nur wirkliche Gauchos mitreiten. In Argentinien ist jedermann eine Gaucho. Man identifiziert sich derartig mit dieser faszinierenden Kultur, daß auf den Traditionstreffen auf dem Lande bis zu 4 Generationen gemeinsam in Tracht musizieren, tanzen und feiern. Das ist dort auch für die Jugendlichen nicht uncool. Ein jeder Junge träumt davon, von seinem Vater als Gaucho ernst genommen zu werden. Oft habe ich Großväter in Tracht mit ihren Enkeln ausreiten gesehen, die den Jungen alles beibringen, was sie wissen müssen. Es ist aber nicht nur eine Sache von Folklore und Tradition. Der Gaucho verkörpert eine genügsame und anspruchslose Lebensart, die an Askese grenzt. Er ist familienbewußt, ehrlich, unglaublich belastbar und STOLZ – und seine Gaucha ist stolz auf ihn. Im Lande der Machos hat – zumindest auf dem Lande- die Frau in der Öffentlichkeit scheinbar nicht viel zu melden. Man hat mir aber überall versichert, daß im Hause – wie wohl überall auf der Welt – die Frau das Sagen hat. Öffentlich aber hält sie sich zurück, dient still und diskret aber mit einer entwaffnenden Herzlichkeit, und bewundert ihren Macho! Ist das nicht ein wahrhaftiges Paradies? (für Machos!) Die Fiesta neigt sich für uns ihrem Ende zu. Wir essen noch ein Rinderschnitzel "milanesa", paniert, zart und größer als der Teller. Zunächst dachte ich, man hätte es mir auf den bloßen Tisch gelegt. Es schmeckt einfach super, zart und saftig – solches Rindfleisch habe ich noch nicht gegessen. Wir sollten daran keinen Mangel haben! |
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Dann machen wir uns auf den Weg nach Verónica, gut 350 Kilometer über gewöhnungsbedürftige Straßen. Ich frage mich, wie man dort wohl nach Einbruch der Dunkelheit fährt. Es gibt Löcher in den Straßen, die einem die ganze Achse wegreißen könnten, aber scheinbar kümmert das niemanden. Totmüde kommen wir nachts an der Escuela Alemana von Norbert Balk an und werden von Gabriela und der deutschen Praktikantin Beate sehr herzlich empfangen. Nach einem Willkommensessen ziehen wir uns in ein schönes Zimmer mit eigenem Bad zurück und schlafen, als wollten wir nie wieder aufwachen. Am nächsten Morgen erwarten uns ein ungewohntes, nämlich süßes Frühstück, sowie Norbert und Guillermo. Bald geht es zu den Pferden, die auf einem Areal Guillermos von etlichen Hektar Größe in der Nähe der Schule friedlich grasen. Mit zwei von den Stuten wollen wir arbeiten. Eine davon, Princesa, soll sehr schwierig und eigensinnig sein. Die Gauchos wären nicht damit zurechtgekommen, daher sei sie preiswert angeboten worden. Nun gehört sie Guillermo. Die andere Stute, Mulita, gehört Norbert Balk. Sie ist ein wenig scheu, aber unverdorben. Argwöhnisch verfolgt sie unsere Aktionen zunächst aus gebührender Entfernung. Die anderen Pferde und Fohlen nehmen ebenfalls neugierig Anteil. Norbert und Guillermo, die auf deutschem Kenntnisstand über die Pferdeszene nebst ihren gerade aktuellen Gurus sind, haben sich dort einen Piccadero gebaut. Die Erwartungshaltung an mich ist sehr hoch. Man wünscht sich eine Mischung aus Monty Roberts, Pat Parelli und vor allem Klaus Ferdinand Hempfling. Ich bin aber Friedhelm Splett und ich erkläre und zeige, was ich vermitteln kann. In den drei Wochen arbeiten wir intensiv vom Boden und vom Sattel aus mit den beiden Pferden. Dabei muß ich insbesondere Guillermo ein Kompliment machen. Als wir abreisen, hat er einen Kenntnis- und Könnensstand erreicht, für den ich zuhause bei talentierten Schülern viele Monate benötige. Er ist sehr talentiert und saugt alles, was ich ihm erkläre und zeige, wie ein Schwamm auf. Es macht mir viel Freude, mit ihm zu arbeiten. Norbert sucht eher die geistige Ebene zu den Pferden. Er ist von Hempfling fasziniert. Der hat auch mich ehemals stark beeinflußt und sicherlich einen Umdenkungsprozeß in der deutschen Pferdeszene mit initiiert. |
Peralta, der seit seiner Kindheit Rennen reitet und alles mit Pferden macht, was möglich ist, bereitet sich gerade auf ein Tonnenrennen vor, das am 9./10. Dezember stattfinden soll. Der Ablauf des Rennens ist wie folgt: 8 Ölfässer stehen im Abstand von je 7 Metern in einer Linie. Sie sind im Slalomkurs im Galopp hin und zurück zu durchreiten. Dann geht es im Jagdgalopp nochmals neben den Tonnen bis zum Ende und anschließend muß der Reiter das Pferd innerhalb von 15 Metern zum Stehen bringen. Zwei Reiter starten gegeneinander. Der Verlierer scheidet aus. Für das Rennen haben sich 240 Reiter gemeldet. Jeder zahlt 100 $ Startgeld. Der erste Preis ist ein neues Auto, des weiteren gibt es erkleckliche Geldpreise zu gewinnen. Ein neues Auto ist in Argentinien wie bei uns ein Sechser im Lotto. Peralta hatte von mir gehört und sein Cousin erzählte ihm, daß die Deutschen die besten Reiter seien. Da solle er mal zuschauen, wenn der alemano vor Ort ist. Peralta fieberte daher meiner Ankunft entgegen. Jetzt war es soweit. Mit einem starken Arbeitspferd kam er von zuhause angeritten. Den Fuchs führte er als Handpferd mit. Sportpferde sind für den Gaucho eher etwas Ungewöhnliches. Die Sportszene entsteht gerade erst. Wir machen uns bekannt und sofort demonstriert Peralta mir einige Durchgänge. Eins ist sofort klar: Er kann reiten wie der Teufel, allerdings hat er überhaupt keine Technik. |
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In wenigen Stunden – verteilt auf die drei Wochen – trainiere ich ihn und sein Pferd bis zu einem Punkt, wo meines Erachtens nach ein Mehr nur noch durch das große Risiko zu erzielen ist, daß dabei eine Tonne umgeworfen wird. Zum Schluß ist er schnell wie Gift. Er verschiebt sein Pferd fast geradegestellt zwischen den Tonnen und umrundet die letzte Tonne auf Tuchfühlung. Der Rundown erfolgt in perfekter Manier, und als er sich danach hinsetzt und die Zügel mit feinsten Impulsen nach oben annimmt, sitzt sein Pferd nach 3 Metern fast auf seinem Hintern. Über die sportlichen Ambitionen bekomme ich das Gehör der Gauchos, etwas anderes gelten zu lassen. Das Pferd war bei unserem ersten Kontakt im absoluten Angstzustand. Es zitterte förmlich vor Erwartungsangst. Die gesamte Muskulatur war extrem vorgespannt. Ich konnte beweisen, daß ein ruhiges und entspanntes Pferd nicht nur viel leichter zu reiten, sondern auch bei hoher Geschwindigkeit zu kontrollieren ist. Vor allem meine Schenkelarbeit, die Körperdrehungen und mein konstanter Körperschwerpunkt auf dem Sattel bewirkten, daß das Pferd ungleich schneller, weil stressfrei und ausbalanciert lief. Insbesondere der Stop war es aber, der alle Vorbehalte auflöste. Nach einer Stunde Training im Schritt mit Fencetechniken und Durchlässigkeitsübungen mit nahtlosem Vor- und Rückwärtsrichten konnte ich das Pferd ohne Zügel auf kürzeste Distanz stoppen. Und was wichtig ist – Peralta konnte es auch. Von nun an wurde die Gruppe von Mal zu Mal größer, wenn wir arbeiteten. Ich hatte Gehör gefunden. Der örtlichen Tageszeitung habe ich ein Interview gegeben. Danach kannte mich jeder im Ort. |
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El Flaco nannte man mich. Als ich es im Dictionary nachschlug, stand dort "schlaff, schwach, mager". Aber die Gauchos haben es immer ganz liebevoll zu mir gesagt. Man ließ gelten, daß die harte Gauchokultur für die Arbeit gut ist; für den Sport ist aber das Reiten mit den Beinen und mit wenig Hand effektiver. Das war unsere Basis, auf der wir uns ohne Stolzverletzung bewegen konnten, und das war auch gut so. Zum Abschied schenkten die beiden Pferdemänner mir ein selbstgefertigtes Lederhalfter, wie es dort verwandt wird. Es ist ein sehr schönes Stück mit Rohhaut-Flechtarbeiten. Ich war tief beeindruckt, zeigt es doch den Grad der Anerkennung für meine Unterstützung. Mein Ruf eilte mir nun voraus, und mit Norberts und Guillermos Engagement haben sich mir Türen geöffnet, die ich als Tourist niemals durchschritten hätte: Am nächsten Tag besuchen wir die Estancia Luis Chico am Rio de la Plata. Sie hat ein wunderschönes Herrenhaus inmitten eines malerischen Parks mit einem ebenso schönen alten Swimmingpool. Auf 2750 Hektar werden Rinder und Pferde gezüchtet. Die Hausherrin zeigt uns stolz ihre Pferde: Es sind Kreuzungen aus Percheron und Vollblut, Percheron und Araber, Percheron und Criollo, sowie Criollo und Vollblut. Die Züchterin bevorzugt starke und bequeme Arbeitspferde. Ein Criollo/Vollblut-Mischling hat es mir angetan. Ich darf mit diesem Pferd arbeiten. Es ist hochsensibel und ein wunderschöner Beweger. Meine Art von Bodenarbeit ist hier absolut unbekannt. Ich verlasse mich auf Norbert und Guillermo, die meine Schritte erläutern. Das Pferd reagiert höchst sensibel und bewegt sich mit einer Eleganz, die uns alle begeistert. Mich beeindruckt insbesondere ihre permanente Aufmerksamkeit, mit der sie quasi jede kleinste Bewegung von mir registriert und beantwortet. Unter den zwölf Pferden, die ich gerne mit nach Deutschland genommen hätte, rangiert sie weit vorne. Dann reite ich die mit einem Englisch-Sattel und argentinischer Kandare versehene Schimmelstute der Hausherrin, eine Mischung aus Percheron und Araber. Sie ist ein starkes Pferd, zunächst etwas eigensinnig, aber am losen Zügel freunden wir uns schnell an und harmonieren bald gut. Ich darf der Besitzerin eine Kostprobe meines Unterrichts geben, zum Glück ist mein Spanisch mittlerweile wieder soweit aufgefrischt, daß ich mich verständlich machen kann. Die Dame ist offenbar von meinen Instruktionen angetan. Ich brauche nur etwas den Sitz und den Körperschwerpunkt zu korrigieren, und das Pferd schwebt unter der Reiterin. Offenbar möchte sie mir daraufhin etwas Gutes tun. Ich darf zusammen mit Guillermo, der eigens ein Pferd gesattelt bekommt, die Pferdeherde der Estancia auf eine entlegene Weide umtreiben. Es wird ein faszinierendes Erlebnis. |
Sowie ich mich seitwärts bewege, bewegt sich die gesamte Herde wie von unsichtbarer Hand am Faden gezogen seitwärts weg. Es ist wie im Traum. Man muß sich das vorstellen, wie beim Formationsflug eines Vogelschwarms. Auch dort wechselt der ganze Schwarm gleichzeitig die Richtung. Während der ganzen Zeit galoppieren wir in Gras, welches mir im Sattel sitzend bis an die Waden reicht. Wir haben keine "Bodensicht". Einen Augenblick stelle ich mir vor, daß wir in ein Loch geraten könnten, verdränge die Vorstellung eines Saltos mit Pferd aber sofort wieder. Ich möchte mir dieses einmalige Erlebnis nicht verderben. Keines der Pferde ist auch nur einmal gestolpert. Wir begleiten die Pferde viel weiter, als erforderlich. Ich werde dieses unerwartete Bild niemals wieder vergessen. Am gleichen Tage habe ich Gelegenheit, mit demselben Pferd alleine ins Gelände zu den Rindern zu reiten. Das Pferd galoppiert am losen Zügel mit leichtestem Beinkontakt über Wege, durch Disteln, durch niedriges Buschwerk, durch Sumpf, durch Wasserstellen. Es hat nicht ein einziges Mal gescheut, ist nicht weggesprungen, hat nicht einmal wesentlich sein Tempo verändert. Ich bin stark beeindruckt. Mein erster Rinderkontakt läßt mein Herz höher schlagen. Ich reite im Galopp auf eine Gruppe von ca. 10 Rindern zu. Diese lassen uns nah herankommen. Ich will schon durchparieren, als diese förmlich auseinanderspritzen. Meinem Pferd macht das einen Heidenspaß. Es verfolgt zwei Rinder bis auf Tuchfühlung solange, bis diese einen Haken schlagen. Ein Bulle von enormer Körperfülle läßt sich dagegen gar nicht beirren, er grast einfach weiter und läßt uns spielen... Diese Estancia mit ihrem wunderschönen Gelände, den schönen alten Gebäuden und dieser passionierten Pferdefrau ist einfach ein Traum. Als wir schließlich über staubige Straßen nach Hause rumpeln, bin ich voller Dank und Zufriedenheit für diese Eindrücke. Noch lange sehe ich das Bild der in fast unendlicher Weite frei grasenden Pferde vor mir. Wehmütig muß ich daran denken, wie in meinem Land viele Pferde gehalten werden. Wäre es nicht eine Sünde, diese Pferde nach Deutschland zu holen und in einen Stall zu sperren? Wir haben uns in unserem Sportdenken weit von den ursprünglichen Bedürfnissen dieser Tiere entfernt. |
Mit einer kleinen Cessna ziehen wir unsere Kreise bis zum Rio de la Plata. Wir sehen eine liebliche Landschaft, durchzogen von silbrigen Flüssen und Gräben. Wir sehen Wasserstellen und Rinderherden, Pferdeherden, Ziegenherden, Schafherden. Das weite Land reicht bis zum Horizont – hin und wieder eine kleines Rancho, mal ein staubiger Zufahrtsweg, mal eine Windmühle zur Wasserförderung. Es ist unglaublich. Als wir nach diesem Rundflug wieder landen, wird uns klar, daß wir erst seit genau 5 Tagen in Argentinien und dennoch bereits so voll von Eindrücken sind, als ob unsere Reise schon Wochen gedauert hätte. Ich habe Blut geleckt. In einem der Hangars des Flugplatzes habe ich einen alten Doppeldecker aus dem Jahre 1942 gesehen – mit Sternmotor und voll flugtauglich. Der läßt mir keine Ruhe mehr. Ich bitte Guillermo, daß er für mich einen Termin für einen erneuten Rundflug managt. Einige Tage später wird dieses Flugrelikt also herausgerollt, startklar gemacht und ich quäle meine 1, 95 Meter in das enge Maschinchen. Ich bekomme eine Lederhaube auf und los gehts. Wir haben nichts anderes gesehen, als beim ersten Mal, aber so ein intensives Fliegen habe ich noch nie erlebt. Der Motor ist die schiere Kraft. Man könnte damit steil nach oben in den Himmel fliegen, die Leistung würde ausreichen. Das Flugzeug kippt so schnell über den Flügel ab, ist aber auch so schnell wieder aufgefangen, daß einem der Atem stockt. Ich habe noch niemals so ein wendiges Fluggerät gespürt und das bei Baujahr 1942. Ein Erlebnis der besonderen Art, das hier bei uns nicht mehr möglich ist. Es spricht für den Piloten, einen besonnenen und erfahrenen Fluglehrer, daß er der Versuchung widerstanden hat, irgendwelche Kunstflugmanöver mit mir zu veranstalten. Ich hätte ihn aber nicht daran gehindert. Woah! |
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Zurück zu den Pferden: Am Tag drauf fahren wir zu einer Estancia etwas weiter entfernt. Guillermo besorgt dafür aus seiner Verwandtschaft einen komfortablen alten Amischlitten aus den 70er Jahren. Über staubige Straßen mit Muschelkalkbelag rauschen wir durch das Land. Wir kommen an einer kleinen Schule vorbei. Etwa 10 Kinder unterschiedlichen Alters werden hier von einer Lehrerin unterrichtet. Sie sind 10 bis 20 Kilometer mit ihren Pferden hergeritten, die friedlich unter Bäumen im Schatten angebunden sind und ruhig warten. Man erzählt uns, daß im vergangenen Winter eine dermaßen große Menge Wasser gefallen sei, daß die Kinder 6 Monate nicht zur Schule reiten konnten. Unvorstellbar. Nach einer endlosen Fahrt durch eine Landschaft, in der ich mich an nichts orientieren könnte, kommen wir an ein Holztor. Wir sind offenbar da, aber nichts ist zu sehen. Wir fahren weitere 20 Minuten, als ein Landhaus auftaucht. Noch ein Tor und wir werden von etlichen Hunden begrüßt. Ich mag erst gar nicht aussteigen, aber es scheint ok zu sein. Der Verwalter ist nicht da, nur seine Frau und der ca. 13jährige Sohn. Ich sehe eine herrliche Pferdeherde in den Corrals des Anwesens. Weitere Jungpferde sind draußen auf dem Land. Der Junge zeigt uns die tropilla der Estancia. Sein Vater ist der Verwalter des Anwesens. Der Junge holt eines der Pferde aus dem Corral und nimmt es an das Halfter. Als es ihn nicht aufsteigen läßt, schlingt er das Führseil einmal um einen Zaunpfahl, zieht das Pferd nah an den Zaun, springt mit einem Satz auf das Pferd und läßt das Führseil wieder lose. Dann nimmt er das Seil an die linke Halsseite, in der rechten Hand hält er den rebenque und reitet uns das kaum ausgebildete Pferd mal eben ein bißchen vor. Daß die Gauchos Teufelskerle sind, habe ich schon mitbekommen, aber daß sie das schon in dem Alter sind, alle Achtung. Dann kommt der Vater. Er siezt seinen Sohn und der siezt seinen Vater. Das ist ein Zeichen der gegenseitigen Hochachtung. Der Sohn ist stolz, daß der Vater ihn wie einen Mann behandelt. Das sind fürwahr würdevolle Strukturen. Ich erkläre, was ich gerne tun würde: Mit einem Potro arbeiten, also einem Pferd, das noch keinen Menschenkontakt hatte. Außerdem würde ich gerne die Gauchos bei ihrer alltäglichen Arbeit begleiten, nichts Spektakuläres, einfach nur so mitreiten. Abschätzend sieht der Mann mich an. Mir fällt spontan "El Flaco" ein! |
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Ich erkläre ihm , daß ich nicht vorhabe, mit dem Pferd zu kämpfen, sondern es nur durch Körpersprache an mich binden, desensibilisieren und schließlich ein ausgewogenes Respekt- und Vertrauensverhältnis herstellen möchte. Dies soll die Basis sein, um mit dem Pferd weiterarbeiten zu können. Ich versichere, daß er sich nicht um sein Pferd sorgen muß. Allerdings gewinne ich den Eindruck, daß er eher um mich besorgt ist. Als ich ihm erzähle, daß ich in Deutschland ständig Bodenarbeit mit Pferden durchführe, daß es dort aber Wildpferde wie hier nicht gebe, daß bei uns die Pferde vielmehr mit ständigem Menschenkontakt aufwachsen und oftmals viel Vertrauen, aber wenig Respekt haben, erkennt er, daß ich mein Erfahrungssprektum erweitern und nicht die Methoden der Gauchos abwerten will. Deutlich merke ich auch bei meinen anderen Kontakten, daß man in diesem Bereich sehr schnell Befindlichkeiten stören kann. Schließlich willigt der Verwalter ein und wir verabreden einen Tag. Es sollen Gäste dazu eingeladen werden, sein Estanciero, der ehemalige deutsche Vizekonsul von Cordoba, der direkter Nachbar ist und einige Gauchos. Ich freue mich tierisch. Früh morgens brechen wir auf, um zu Arbeitsbeginn auf der Estancia zu sein. Wir haben den Kofferraum voller Lebensmittel, um uns an der Fiesta zu beteiligen. Als wir eintreffen, sind drei Gauchos und der Sohn des Verwalters damit beschäftigt, die Herde der Jungpferde in den Corral zu treiben. Es sind sehr schöne Pferde, etwa zweijährig. Die einzelnen Tiere waren noch nie vom Herdenverband getrennt. Ich suche mir spontan einen jungen Hengst aus. Er ist wild und schön. Es gibt keinen Zweifel – dieser ist der Richtige. Die komplette Herde wird zunächst in einen hinteren Corral getrieben. Ich verstehe nicht ganz, warum die Gauchos danach wieder in die Ferne galoppieren. Dies sollte mir aber später noch klar werden. In der Zwischenzeit unterhalten wir uns mit dem deutschen Vizekonsul, der hier nach seiner Pensionierung "hängen geblieben" ist, wie er erzählt – allerdings mit Stadtwohnung und 700 Hektar-Estancia. Er fährt uns zu seinem Anwesen und wir besichtigen sein Reich. Wirklich beeindruckend, aber dann geht es zurück. Der Verwalter schlachtet ein Schaf, zieht es ab, nimmt es aus und spannt das Fleisch sofort auf ein T-förmiges Metallkreuz, welches in den Boden gerammt wird. Daneben wird ein Feuer entzündet. Die Abstrahlwärme gart über 3 Stunden das Fleisch. Als Holzkohle aus den verbrannten Baumstämmen entsteht, wird diese vorsichtig unter das Fleisch geschichtet und gibt die Bräune. Es duftet vielversprechend. Diese Form des Grillens heißt asado al asador. Nun nähern sich die Gauchos wieder dem Anwesen, allerdings mit einer Herde von ca. 500 Rindern nebst Kälbern. Es ist ein Schauspiel ohnegleichen, unter ohrenbetäubendem Geblöke nähert sich zügig die Herde. Gekonnt wird sie in den Hauptcorral getrieben, geschickt treiben die Gauchos die Herde dann mehrfach in dem verzweigten Corralsystem um, bis die Jungtiere separiert sind. Jetzt setzt erst recht ein Geblöke ein, welches bis zum Abend nicht mehr verstummen soll. Die Kühe stehen auf der einen Seite vom Zaun, die Kälber auf der anderen. Die Kälber sollen markiert, und ggf. kastriert werden. Ich begreife, daß man diese Arbeit unseretwegen auf den heutigen Tag gelegt hat, uns uns daran teilhaben zu lassen. |
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Die Gauchos lassen jeweils etwa 5 Kälber in den ansonsten leeren Hauptcorral. Die Kälber laufen den Zaun entlang. Die Gauchos versuchen, sie an den Vorderläufen mit dem Lasso zu fangen, dann werden sie von einem anderen Gaucho hingelegt, festgehalten, und markiert, indem einfach eine Kerbe in eines der Ohren geschnitten wird. Das Kastrieren erfolgt ebenso ohne Betäubung: Der Hodensack wird geöffnet, die Hoden herausgezogen und abgeschnitten, dann wird die Wunde mit einem Pinsel desinfiziert und fertig. Das Bülleken schüttelt sich einmal und weiter gehts. Als ich unseren Gastgebern gegenüber später diese Praktiken hinterfragte, mußte ich mir mit Recht die Auswüchse der Massentierhaltung und die Praxis in deutschen Schlachthäusern vorhalten lassen – sicherlich nicht zu Unrecht. Die Gauchos haben einen Ehrenkodex: Wenn die Kälber an den Hinterbeinen, Bauch, Hals oder Kopf gefangen werden, lassen die Gauchos das Lasso sofort wieder los, denn dies gilt nicht als perfekter Wurf. Das Lasso muß sich um beide Vorderbeine schlingen, damit das Kalb die angestrebte Rolle vorwärts über die Schulter macht. Dann erst bleibt das Tier auf dem Rücken liegen und der andere Gaucho kann es festhalten. Die Gauchos könnten es sich einfacher machen, indem sie die Tiere einfach in die manga (einen engen Bretterverschlag) treiben. Dies ginge sicherlich leichter und schneller, aber das ist kein Gauchostil. Endlich ist das Fleisch gar und die Gauchos machen eine Pause. Sie waschen sich und ziehen sich komplett um. Dann kommen sie zu Tisch. Es schmeckt super. Das Fleisch ist erstklassig, es gibt mehrere Salate, Brot, selbstgemachte Wurst, Käse, dazu Wein, Bier, Sprudel. Nach dem Herzhaften wird Kuchen gereicht. Außerdem hat Guillermo, der in Verónica eine Eisdiele betreibt und das Eis dort selbst herstellt, einige Kostproben zum Essen beigesteuert. Es ist eine wirklich reichhaltige Tafel, die hoffentlich nicht nur zu unseren Ehren gefüllt worden ist. Die Gauchos essen wie Gauchos, einfach Unmengen. Aber bei der harten Arbeit ist das kein Wunder. Nach der Mittagspause bekommen ich meinen Potro. Von dem hinteren Paddock treiben wir ihn und zwei Kameraden in einen kleinen Nebenpaddock und von dort in die manga. Als seine Herde wieder nach draußen entlassen ist, kommt der Hengst in den ursprünglichen Paddock zurück. Er gebärdet sich wie wild, will hinter der Herde her. Er nimmt mich zunächst gar nicht wahr, springt zweimal in den Drahtzaun und verletzt sich an der Nase. |
Einmal stelle ich mich ihm in den Weg. Er galoppiert voll auf mich zu. Das habe ich schon des öfteren erlebt, ich bleibe ruhig stehen. Ruckartig richte ich mich auf, nehme die Arme seitlich hoch. Der Hengst richtet sich ebenfalls auf, seine Hufe sind in Höhe meiner Hüfte, er wendet aber nicht ab. Im letzten Moment drehe ich mich weg, ich spüre ihn dicht an mir vorbeipfeifen. Donnerwetter, so etwas ist neu für mich. Es zeigt den Grad der Panik, den das Tier zu dem Zeitpunkt noch hat. Später, als die Arbeit fortgeschritten ist, wendet er jedesmal rechtzeitig ab, aber dieses eine Mal hätte es mich erwischt, wenn ich stehen geblieben wäre. Es ist mir nicht möglich, mich per Stimme bemerkbar zu machen. Das Geblöke der Rinder nebenan ist ungebrochen. Man versteht sein eigenes Wort nicht. Ich lege mein Seilhalfter in die Mitte des ca. 35 x 20 Meter großen Corrals. Die Bedingungen sind mehr als bescheiden – zunächst der Krach, dann direkt nebenan die Kälber, die Angst ausströmen, dann der viel zu große Corral. Aber was anderes gibt es nicht und ich muß versuchen, mit den Gegebenheiten klarzukommen. Ich nähere mich dem Pferd, wie ich es kenne. Langsam gehe ich auf die Schulter zu bis es reagiert. Sofort ist es hellwach und ausgesprochen mißtrauisch. Nachdem der junge Hengst mich nun das erste Mal wahrnimmt und eine Reaktion zeigt, ziehe ich mich wieder etwas zurück. Der Hengst beruhigt sich. Immer wieder nähere ich mich an und ziehe mich wieder zurück. Rannte das Tier zunächst wie wild den Zaun entlang, läuft es jetzt an einer kurzen Seite auf und ab. Per Körpersprache bringe ich ihn dazu, um mich herumzulaufen, dabei hole ich ihn mir immer näher, bis auf ca. 3 Meter Radius. Gehe ich auf seine Schulter zu, weicht er nach außen aus, ziehe ich mich zurück, folgt er mir, der Abstand bleibt konstant. Daß das nach so kurzer Zeit klappt, verblüfft nicht nur mich. Ich kann den Hengst an beliebiger Stelle stoppen. Verharre ich bewegungslos, bleibt auch er stehen, solange ich es will. Die Arbeit wird ruhig und gelassen. Das Tier ist mit seiner vollen Konzentration bei mir im Hier und Jetzt. Ich bin zu 100 % bei dem Pferd. Das Außen gibt es nicht mehr, auch mein Zeitgefühl schwindet. Es folgt eine lange Phase der Annäherung und des Rückzuges, bis ich dem Pferd so nahe kommen kann, daß ich es vorsichtig mit der Spitze meiner Fahrpeitsche berühren kann. Reagiert es zunächst wie elektrisiert, kann ich es bald am ganzen Körper desensibilisieren. Dann nehme ich das Seilhalfter mit Strick. Nach einigen Versuchen werfe ich das Seil über das Tier und es duldet die Berührung. Schließlich kann ich den Hengst mit leichtestem Zug an dem Seil, welches lediglich über Hals bzw. Rücken gelegt ist, in seiner Bewegung dirigieren. Es ist ein unglaubliches Gefühl. Um ihm das Halfter anzulegen, muß ich aber an den Kopf. |
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Ich mache eine wichtige Entdeckung: Um den ganzen Körper des Pferdes gibt es eine etwa 10 Zentimeter dicke Schicht, die ich einmal Astralkörper nennen möchte. Bis zu diesem Punkt komme ich mit meinem Körper, mit meinen Händen an das Pferd heran. Mit Peitsche und Seil kann ich diese Schicht durchbrechen, nicht aber per Körperkontakt. Ich nähere mich von schräg links hinten dem Pferd, fasse nach unzähligen Berührungsversuchen auf die Kruppe. Der Hengst droht mit seiner Hinterhand beidseitig kurz an, zieht aber nicht durch. So etwas habe ich bereits des öfteren erlebt, ich nehme es nicht ernst. Mit den Worten: "Du willst mich doch wohl nicht schocken" klopfe ich ihm auf die Kruppe. In dem Augenblick zieht er voll durch und tritt mir vors Schienbein, daß ich Sterne sehe. Mein Unterschenkel soll in den nächsten Tagen das ganze Farbspektrum durchwechseln. Jetzt hat der Hengst gemerkt, daß er eine Waffe gegen mich besitzt. Gehe ich auf ihn zu, dreht er mir sein Hinterteil zu. Fixiere ich ihn am Zaun, kann ich ihn mit Peitsche und Führseil berühren. Ich kann ihn vorwärts und rückwärts richten, gehe ich jedoch auf seinen Kopf zu, dreht er mir wieder sein Hinterteil zu. Weiter komme ich an diesem Tag nicht. Ich arbeite bis zum Anbruch der Dunkelheit, dann breche ich ab. Ich bin mit diesem ersten Ergebnis zufrieden. Mein Fazit an diesem Tag:
Mit Einbruch der Dunkelheit stellen auch die Gauchos ihre Arbeit ein. Die ganze Prozedur mit den Kälbern hat insgesamt an diesem Tage 12 Stunden gedauert, und die Gauchos haben nicht alle 150 Kälber geschafft. Es ist eine unglaublich harte Arbeit. Die Kälber sind derartig schnell und geschickt, daß manche erst beim 4. oder 5. Versuch gefangen werden können. Danach ziehen sie den Gaucho, der sich gegen das Seil stemmt, über den Platz, bis der zweite Gaucho das Tier umlegen kann. Auch das Festhalten ist ein gewaltiger Kraftakt, die Tiere mögen es nämlich nicht, markiert oder sogar kastriert zu werden. Passiert es einmal, daß der Gaucho das unter Spannung stehende Seil losläßt, hat er Brandblasen in der Innenfläche der Hand. Also: Festhalten. Handschuhe hatte dort niemand. Das Gaucholeben sieht zuweilen sehr idyllisch aus, ist aber unsagbar hart und karg. Schlechtes Wetter gibt es nicht und Aufgeben gibt es auch nicht. Wenn ein Rind einen der Gauchos mit dem Hinterbein erwischt, wird trotzdem weitergemacht. Abends sind wir alle vermackelt und blessiert, aber zufrieden. |
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Die nächste Gelegenheit für die Arbeit mit einem Potro ergibt sich in Verónica auf dem Anwesen eines Rennpferdezüchters. An seinem Haus hat er eine ältere Stute und ihre mittlerweile 4jährige Tochter, mit der noch nichts gemacht worden ist. Hier gibt es auch einen Roundpen von ca. 15 Metern Durchmesser. Zunächst treiben wir die Stute in den Roundpen, bald darauf folgt ihr das andere Pferd. Nach einigen Minuten lassen wir die ältere Stute wieder heraus, bis dahin hat sich ihre Tochter bereits an mich gewöhnt. Ich merke sofort, daß ich von der Erfahrung mit dem Hengst profitiere. Im Roundpen und in absoluter Ruhe spiele ich mein altes Spiel von Aktion und Reaktion mit dem Pferd und übernehme sofort die dominante Rolle. Dann folgt das Weichen und Loben. Auch hier zeigt sich wieder die Schwierigkeit, das Pferd anfassen zu können. Dieses Mal warte ich nicht solange. Als ich das Pferd mit Peitsche und Seil berühren kann, schwinge ich ohne große Bewegung das Lasso von hinten über Kopf und Hals. Sofort bleibt die Stute stehen und wendet sich mir zu. Ganz ruhig gleite ich ihr dem Lasso nach entgegen, streichele sie am Hals, kann bald Schultern, Widerrist, Bauch berühren, danach Stirn, Nasenrücken, Ganaschen, Kinngrube. Dann habe ich das Vertrauen des Pferdes gewonnen. Ich lege ihm ohne den geringsten Widerstand das Seilhalfter an und löse das Lasso. Das Pferd hat noch großen Respekt vor mir. Eine Peitsche kennt es nicht. Es weicht in alle Richtungen und genießt es, von mir dafür ausgedehnt gelobt zu werden. Ich lasse mir viel Zeit dabei. Schließlich kann ich das Pferd um mich herum in Schritt und Trab laufen lassen, kann die Richtung wechseln, den Kreis vergrößern und verkleinern sowie das Pferd stoppen und rückwärts richten. Ich löse das Seilhalfter und lasse das Pferd in freier Arbeit einige Zeit verschiedene Figuren laufen, dann nähere ich mich ihm langsam und lege das Seilhalfter wieder an. Es ist geschafft. Dieses Mal hat es nur ca. 3 Stunden gedauert. Es gab keine Gefahrensituation für das Pferd oder mich, das Pferd zeigte keine Stressmerkmale. Ich bin überglücklich, daß ich die Situation offenbar richtig eingeschätzt habe. Die Besitzer haben die ganze Zeit zugesehen und sind von der Arbeit begeistert. |
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Ein weiterer Leckerbissen wartet auf mich, als wir die Estancia "La Verde" nahe Verónica besuchen. Der Besitzer hat aus England Welsh Cob importiert, mehrere Stuten und einen prächtigen Hengst. Es sind die ersten Welsh-Ponies in Argentinien. Die Pferde sollen im Fahrsport eingesetzt werden. Die ersten Nachzuchten bewundern wir auf ausgedehnten Koppeln. Der Sohn des Estancia-Besitzers, ein Veterinär, spielt Polo. Somit werden hier auch entsprechende Pferde gezüchtet – daneben die üblichen Arbeitspferde der Gauchos. La Verde ist eine herrliche Estancia mit wunderschönen Gebäuden. Das Haupthaus stammt aus dem Jahre 1930 und ist im englischen Stil erbaut, ein älteres ehemaliges Gesindehaus ist im spanischen Stil mit Innenhof errichtet. Dieses Haus wird gerade total durchrenoviert und steht vor der Fertigstellung. Es wird ein Schmuckstück. Auch hier gibt es einen großen Park, riesige Pferdeställe im europäischen Stil und viele Angestellte. Die sind für die vielfältigen Arbeiten auf der 1.300 Hektar großen Estancia aber auch erforderlich. Maschinen sind hier noch die Ausnahme. Es gibt zwei einfache Trecker, aber nicht mit den bei uns üblichen technischen Möglichkeiten. Diese Estancia gibt etlichen Leuten aus der Umgebung Arbeit. Es gibt einen Super-Roundpen mit 22 Metern Durchmesser und Spitzenboden. Man gewährt mir meinen Potro, von dem ich später erfahre, daß er schon einiges hinter sich hat – er wurde am Palenque kastriert. Der Palenque ist der Anbindepfahl, gegen den sich Monty Roberts in seinem Buch sehr deutlich ausspricht und an den wilde Pferde zur Zähmung festgebunden werden. Bei dem Pferd auf La Verde mußte außerdem vor einiger Zeit eine Operation am Hals durchgeführt werden, als sich eine Wunde entzündet hatte. Man hat das Pferd mit Lassos eingefangen und mit 8 Männern festgehalten. Na denn... Ich gehe dieses Mal anders vor: Ich halte mich in der Mitte des Roundpen, mache sparsamste Bewegungen, arbeite fast nur mit Hüft- und Schulterdrehungen, kein Scheuchen oder Hetzen des Pferdes. Hier ist keine Betonung meiner Dominanz nötig, hier geht es nur um Vertrauen. Wieder wende ich meine Methode von Aktion und Reaktion, Weichen und Loben an. Mit viel Stimme beruhige ich das Pferd, es kommt bald näher. Ich bitte einen Gaucho, dieses Mal das Lasso zu werfen. Ich will mir keinen weiteren Fehlwurf leisten, denn das Pferd hat diesbezüglich schlechte Erfahrungen gemacht. Ich bitte den Gaucho, das Lasso nicht festzuhalten. Der Wurf sitzt. Das Pferd rennt wie wild einige Runden mit dem Lasso, welches aber locker um den Hals hängt. Als es stehen bleibt, nähere ich mich dem Ende des Lassos und nehme es auf. Regungslos verharre ich mehrere Minuten – das Pferd auch. Wir taxieren uns gegenseitig. Ganz vorsichtig zupfe ich am Seil, das Pferd soll zu mir kommen. Ich will es nicht wieder verschrecken. Auf Zug im Winkel von 45 Grad seitwärts-vorwärts setzt das Tier sich tatsächlich langsam in Bewegung. Auf jedes Zupfen einen Schritt mehr. Dann steht es vor mir. Wieder warte ich lange mit der ersten Berührung. Ich lasse den Wallach an meiner Hand schnuppern, an meinem Strickhalfter und am Führseil. Dann lege ich beides vor ihm auf den Boden und ziehe mich ein Stück zurück. Das Pferd beschnuppert beruhigt die Sachen. Ich gehe wieder hin, hebe die Teile auf und lege ihm das Strickhalfter an. Kein Problem. Ich führe das Pferd zunächst mit gelockertem Lasso und Führseil zugleich, dann löse ich das Lasso ganz und werfe es nach draußen. Es ist geschafft. Diese ganze Arbeit dauerte zweieinhalb Stunden und war für alle Anwesenden absolut überzeugend. Ich nehme das Seilhalfter wieder ab und lege es einige Zeit später erneut an. Dann bringe ich den Wallach langsamen Schrittes zu seiner Herde, die in gebührender Entfernung zum Rounden grast. Ich bin sehr glücklich über die Erfahrungen, die ich hier machen darf. Ich bin den Pferden dankbar, die mir die Gültigkeit meiner Methode reflektieren. Als der Bereiter der Estancia mir auf einem Ausritt einige Tage später zu verstehen gibt, daß ihm meine Arbeitsweise besser gefällt als einige der üblichen Methoden, die er kennt, habe ich das Gefühl, hier vielleicht einen Keim zum Wohle der Pferde gesetzt zu haben. Der junge Mann hat genau beobachtet, wie ich vorgegangen bin und die Prinzipien von Aktion und Reaktion, sowie Weichen und Loben präzise erkannt. Es sind schon einfühlsame und erfahrene Pferdeleute, diese Gauchos. |
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Ein nächstes Highlight steht an. Bereits von Deutschland aus habe ich mich über Martin Hardoy informiert. Es gab verschiedene Filmberichte über seine Arbeit. Ein Geo-Special über Argentinien hat ausführlich über ihn berichtet. Er ist DER Pferdemann in Argentinien. Seit 10 Jahren zieht er über Land, um seine DOMA RACIONAL zu propagieren und zu lehren. Mehr über ihn finden Sie im Internet unter http://www.martinhardoy.com.ar Der Mann hat eine eigene Fernsehsendung zum Thema Pferde, hat ganze Videoserien herausgebracht und wird allgemein als "Der Hexer" bezeichnet. Ihn muß ich unbedingt kennenlernen. Norbert hat bereits vor unserer Anreise mehrfach auch persönlich Kontakt zu Martin Hardoy aufgenommen, hat ihm von mir erzählt, Teile meiner Website übersetzt und mir im Sommer anläßlich seines Besuches zwei Videos von ihm mitgebracht. Nun ist Sr. Hardoy interessiert, sich mit mir zu treffen. Wenn es passt, wollen wir auch zusammen arbeiten. Ich bin sehr gespannt. Wir sind mit ihm in seiner Stadtwohnung in Buenos Aires verabredet. Pünktlich um 14:00 Uhr sind Norbert, Brigitte und ich dort. Auf Klingeln holt er uns per Fahrstuhl unten ab. Wir fahren nach oben und gehen in seine reich dekorierte Wohnung. Vom Pumafell, über unzählige Gebisse und Requisiten eines Pferdemannes bis zu vielen Fotos von Gauchos und Pferden. Man weiß nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Hardoy selbst ist ein ungemein vitaler Mann, in unserer Gegend würde man sagen "eine echte Kante". Er hat ein Kreuz wie ein Ringer und ist dabei so beweglich und behende wie ein Tänzer. Er ist schon eine markante Erscheinung. Das dichte Haar steht ihm wild vom Kopf ab, ein strahlendes Lächeln und keinerlei Staralüren – das ist also Martin Hardoy. "Guten Tag ", begrüßt er uns lächelnd. Er hat weitere Redewendungen in akzeptablem Deutsch drauf. Die hat er von deutschen Kamerateams gelernt, mit denen er einige Wochen gedreht hat, und von seiner Deutschlehrerin, mit der er Monty Roberts "Shy Boy" auf Deutsch liest. Er bietet Englisch als Sprache an, aber nach nahezu drei Wochen bin ich wieder fit und kann den größten Teil des Gespräches selber auf Spanisch bestreiten. Ich erzähle über meine Arbeit, über meine Ambitionen in Argentinien, über meine Erfahrungen. Er hört geduldig zu, fragt wichtige Details genauestens nach. Offenbar ist er über Deutschland als Reiternation gut im Bilde. Er ist interessiert, Deutschland einmal zu besuchen. Dann erzählt er von seinem Werdegang als Rodeoreiter, von einem folgenschweren Unfall, von der Besinnung, daß es andere Möglichkeiten geben muß, um Pferde zu domestizieren. Von seinen Erfahrungen mit Indianern, seinen Erfahrungen aus Nordamerika und Indien. Der Mann ist so souverän, daß er keinerlei Selbstdarstellung nötig hat, um sich in Szene zu setzen. Was er sagt, ist durchdacht, hat Hand und Fuß, er ist kein Erzähler, sondern ein Macher, das ist sofort klar. Wir fachsimpeln über Gebisse, Zügelführung, Desensibilisierung schlechthin, Kastrationsmethoden, beispielsweise die bei uns unter Vollnarkose gebräuchliche "Berliner Schlinge", die Gefahr der Darmverschlingung, wenn man Pferde narkotisiert auf den Rücken legt, der Mann ist absolut kompetent. Ich habe ihm ein spezielles Bit aus Deutschland als Geschenk mitgebracht, habe es bei diesem ersten Besuch aber leider nicht dabei. Auch die Videoaufnahmen meiner Bodenarbeit, die gerade vor der Reise fertiggestellt wurden, habe ich nicht mit. Aber Hardoy hat sein ganzes Repertoir zuhause. In seinem Schlafzimmer versammeln wir uns um den Fernseher und er zeigt uns Aufnahmen seiner aktuellen Arbeit. Er zeigt uns die deutschen Fernsehberichte, die über ihn erschienen sind, deren Filmaufnahmen er bis heute nicht erhalten hat. Der Nachmittag vergeht wie im Flug. |
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Hardoy arbeitet heute bei der DOMA (der Domestizierung, die normalerweise in Argenintien am palenque stattfindet) mit einer Manga aus Gitterrohr, an der er verschiedene Klappen und Türen öffen kann. Das Wildpferd wird hineingetrieben und ist in Folge der Enge in der Manga bewegungsunfähig. Dann desensibilisiert Hardoy das Pferd durch sanftes Berühren und Streicheln solange, bis es absolut ruhig ist. Anschließend erhält es ein Halfter und wird aus der Manga herausgeführt. Es ist danach immer noch ganz ruhig. Ich habe ein Video ohne Schnitt gesehen, wobei er sich auf ein solches Pferd setzt, und es reitet. Dann legt er es mit einer speziellen Technik auf den Boden, dreht es auf den Rücken, stellt sich breitbeinig über das Pferd und beugt sich nach vorne zwischen den steil nach oben stehenden Vorderbeinen mit seinem Gesicht zur Nase des Pferdes herunter. Bei dieser Vorführung fällt sogar den Gauchos der "Kitt aus der Brille". Unglaublich. Hardoy gibt bereitwillig Auskunft, wie er das macht. Martin Hardoy erklärt, daß er die Arbeit im Roundpen auch beherrsche, daß das zur Zeit bei den Gauchos aber nicht zu vermitteln sei. Die alte Tradition sei noch zu stark verwurzelt. Man müsse die Leute dort abholen, wo sie stehen (das habe ich schon einmal gehört). Und eine Manga hat jedes Rancho. Also macht er es so, daß die Gauchos es nachvollziehen können. Wir verabreden uns in Verónica, um auf der Estancia La Verde erneut, diesmal gemeinsam, mit einem Potro zu arbeiten. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen. Leider muß Hardoy diesen Besuch absagen, da sein gerade erworbenes Auto sich plötzlich nicht mehr schalten läßt. Er verschiebt den Besuch auf den Freitag vor unserer Rückreise nach Deutschland. Es ist mein Geburtstag. Alle sind begeistert, daß Senor Hardoy nach Verónica kommt. Meine Frau bereitet zu meiner Überraschung eine große Fiesta vor. Alle Leute, mit denen wir näheren Kontakt hatten, werden eingeladen. Horratio Peralta und Modesto Endemano bereiten das Asado- also das Grillfleisch und die Empanadas = mit Fleisch und Geflügel gefüllte Teigtaschen, die in Öl gesotten werden, zu. Viele Gäste sind anwesend, als Martin Hardoy leider erneut absagt. Sein Flugzeug nach Buenos Aires konnte nicht starten. Er sitzt in einer Universität, in der er einen Vortrag gehalten hatte, fest. Schade, aber ein Grund mehr, wieder nach Argentinien zurückzukehren. Diesen Mann möchte ich näher kennenlernen. Seine Kernaussage war für mich: "Ich möchte nicht mit einigen wenigen viel Geld ausgestatteten Spitzenleuten zusammenarbeiten, sondern ich möchte die große Masse der normalen Pferdeleute erreichen, um den Umgang mit unseren Pferden insgesamt ein wenig zu verbessern." Welch ein Mann! |
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Nach der Fiesta fahren wir noch einmal zur "La Verde", wo mein letzter Potro auf mich wartet. Auch dort hat man sich auf Hardoys Besuch gefreut, zeigt aber die Enttäuschung nicht. Dieses Mal bekomme ich auch dort einen wirklichen Potro – also ein Pferd, das noch absolut roh war. Zusammen mit dem Gaucho Antonio treibe ich ihn selber zusammen mit einigen anderen Pferden in den Roundpen. Nach einigen Minuten lassen wir die anderen Pferde wieder laufen. Dieser Potro ist ein wunderschönes Pferd. Schnell finde ich wieder Zugang zu dem Tier, Aktion/Reaktion – Weichen/Loben, es ist bald eine Beziehung aufgebaut. Nach wenigen Minuten läuft der zweijährige Hengst nahe um mich herum. Dieses Mal versuche ich lange, dem Pferd auch ohne Hilfe des Lassos das Seilhalfter umzulegen. Oft sieht es so aus, als ob ich es schaffe, aber er läßt sich nicht berühren. Ich stehe eine Minute regungslos 10 Zentimeter neben ihm. Er ist zwischen dem Roundpenzaun und mir. Gehe ich näher heran, oder versuche, ihn anzufassen, dann entzieht er sich blitzschnell und ist weg. Als ich so nicht weiterkomme, setze ich doch wieder das Lasso ein. Das Pferd bekommt dadurch keine Panik, aber zeigt wesentlich mehr Reaktion, als die vorherigen Pferde. Statt stehenzubleiben wie die anderen, läuft er auf dem Hufschlag um mich herum. Ich benutze das Lasso nun als Führseil, halte es von der Schlinge her ständig locker und beginne, die Bewegungen des Pferdes zu bestimmen. Ich verkleinere und vergrößere die Distanz zu dem Pferd immer wieder, ich stoppe es, lasse es drehen und treibe es wieder. Dann nehme ich die Führpeitsche hinzu.
Aber der kleine Hengst vertraut mir. Igendwann kann ich ihn anfassen und der Bann ist gebrochen. Zum Schluß hätte ein Hubschrauber neben diesem Pferd landen können, es hätte ihn nicht mehr geschockt. Aber es hat eindeutig zu lange gedauert, 3, 5 Stunden brachten uns beide erheblich ins Schwitzen. Man lernt einfach von jedem Pferd wieder etwas dazu. Dies war ein würdiger Abschluß unserer Reise. Der Estanciero, ein Jurist, der direkt für einen der argentinischen Minister arbeitet, lädt uns abschließend zum Tee ein. Der Rahmen in dem alten Herrenhaus ist beeindruckend. Man erhält eine Vorstellung von der Pracht der alten Zeit. Wehmütig feiern wir Abschied von Norbert, seiner Frau Gabriela und den Kindern Jonas und Tobias, von Guillermo und seiner Familie, von den netten Menschen, die uns so rührend aufgenommen haben. Wir wünschen uns, irgendwann einmal wiederzukommen und wir freuen uns auf Guillermo. Wir werden versuchen, ihm in Deutschland die gleiche Gastfreundschaft zuteil werden zu lassen, wie wir sie dort erfahren haben. Aus der harmlosen E-Mail vom April ist für uns eine Erfahrung geworden, deren Auswirkungen sich noch nicht ermessen lassen. Auch dafür sind wir unserem Freund Norbert Balk unendlich dankbar. PS: Horacio Peralta hat nicht den großen Gewinn einheimsen können. Norbert schrieb mir, daß er am Rennen gar nicht teilgenommen hat, weil er sein Pferd im Training dermaßen überforderte, daß es einen Muskelfaserabriß erlitt. Schade! |
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