Magazin | |
|
http://www.equivox.de/HauptartikelHauptartikel |
![]() Das Travers – mit überdeutlichem Hufschlag |
![]() Dieselbe Übung in der Hofreitschule |
|
|
Das haben die Reiter der Hofreitschule Bückeburg, und sie fühlen sich nicht nur frei, einen Teil der damals angewandten Methoden und Hilfsmittel aus tierschützerischen Motiven zu verbannen, wie in der letzten Woche dargelegt, sondern auch einige der Übungen zu vernachlässigen, weil sie sich im modernen Nachvollzug als hinderlich oder gar schädlich erwiesen haben.
Bei diesen Worten müssen Sie sich nicht nur ständig wechselnde Bilder und fließende Bewegungen vorstellen, sondern auch einschmeichelnde Barockmusik. Und da wir noch einiges im Programm haben, geht alles ziemlich schnell, wenn auch gemächlich und gelassen. Kaum hat man ein Gefühl für die vorgeführte Bewegung bekommen, zunächst an der Bande, dann um den Pylon herum, geht es schon zur nächsten Übung: Die Traversale. Zu dieser Übung gibt es aus verständlichen Gründen keine historische Vorlage, da es sich um eine Abfolge von drei Übungen handelt, die man in einem Bild nicht gut darstellen kann – wir kommen deshalb gleich zur zeitgenössischen Vorführung.
Zu diesen Worten sieht man zunächst nur den Bauch und die Beine eines Schimmels in der genannten Bewegungsfolge, dann eines Braunen. Schließlich sieht man die ganze Figur unter dem Meister Krischke selbst auf einem gepunkteten Schimmel, wobei kurz vor der Ankunft an der neuen Bande in Zeitlupe umgeschaltet wird. Zum Abschluss das Ganze noch einmal in Echtzeit mit einer jungen Reiterin auf einem Schimmel, möglicherweise demselben, und dann noch mal auf dem gefleckten Schimmel, mit dem sie schon im Renvers zu sehen war. Man möge mir die laienhafte Bezeichnung nachsehen – vermutlich haben diese barocken Zeichnungen, die man vor allem von Knabstruppern kennt (vielleicht handelt es sich bei diesen Pferden auch um Knabstrupper), ganz genaue Bezeichnungen – jedenfalls weiß ich von den Amerikanern, dass die für Pferdefarben eine ganze Palette von Ausdrücken pflegen, von denen viele gar nicht übersetzbar sind. |
Das ist wieder ein gutes Beispiel, mein Bedürfnis nach weiterer Erläuterung zu illustrieren: Was ist ein Kriegspferd?
Wenn man nur wenig darüber findet – woher weiß man dann, welche Art Wechsel selbstverständlich war?
Gut, das leuchtet mir ein, aber dann gehören diese Art der Galoppwechsel doch nicht mehr zur Reitkunst des Barock, oder? Aber solche Fragen sind müßig, wenn man sich diesen Film so anschaut, wie ich das gemacht habe. Auf der Suche nach passenden Illustrationen gehe ich den Film Bild für Bild durch, wobei dieser Ausdruck vermutlich falsch ist. Jeder hat eine Vorstellung davon, wie ein analoger Film aussieht: Das ist einfach ein Streifen mit Einzelbildern, die so schnell projiziert werden, dass das Auge diese Einzelfolge nicht mehr auseinanderhalten kann. Ein digitaler Film ist etwas komplizierter aufgebaut; wenn man jedes einzelne Bild eines analogen Filmes scannen würde, kämen ungeheuere Datenmengen zusammen – diese Unmenge an Daten bewältigt man durch Komprimierung. Dazu nutzt man wiederum aus, dass man das Auge täuschen kann. So werden nach komplizierten Berechnungen nur Teilmengen der Daten gespeichert, nämlich signifikante Daten, die sich geändert haben, und ab und zu mal ein vollständiges Bild (wenn ich die Sache richtig verstanden habe). Dieses vollständige Bild nennt man Frame. So hat man also viel weniger Frames als im analogen Film Einzelbilder, dafür aber sind die Datenmengen so reduziert, dass man sie handhaben kann. Wenn ich eine Illustration suche, kommt also nur ein Frame in Frage. Mein Videoprogramm kann nun einen Frame nach dem anderen zeigen und ich kann mir dann den passenden heraussuchen; ich könnte die Frames auch automatisch herausziehen und abspeichern. Dabei ist mir nun aufgegangen, dass Wolfgang Krischke einen unglaublichem Sitz hat – der Mann klebt förmlich im Sattel. Nur an einer Stelle erhebt er sich einmal, und diese Stelle ist wiederum sehr interessant – merkwürdigerweise ist mir das beim Anschauen gar nicht so deutlich geworden: Zwei Sequenzen sind überblendet worden, und zwar eine Galoppsequenz mit einem Braunen und eine mit einem Schimmel, und man hat den Eindruck, dass der Mann sich nicht verändert, das eine Pferd löst sich in das andere auf. |
Das war nicht ganz so einfach, und deshalb will ich es hier beschreiben, falls Sie auf ähnliche Probleme stoßen. Ich benutze verschiedene Videoprogramme, hierfür aber den KMPlayer, weil der der einzige ist, der die Frames herausziehen kann. Um das zu ermöglichen, muss man allerdings in den Einstellungen etwas verändern – und ich bin schon fast ein halbes Dutzend Mal fast verzweifelt, weil ich mir das nicht merken und diese Einstellung nicht rekonstruieren konnte. Natürlich habe ich in diesen Fällen im Internet recherchiert und bin immer wieder auf dieselben Foren gestoßen, in denen andere Leute wie ich verzweifelt versuchten herauszubekommen, wie man das anstellen kann. Keiner wusste eine Antwort. Inzwischen weiß ich es und konnte es mir merken: Rechte Maustaste, Options, Häkchen bei Advanced Menu setzen. Erst dann bekommt man die Möglichkeit, mit der rechten Maustaste Capture anzuwählen. Aber darum geht es hier ja nicht. Ich musste etwas Neues finden. Also wieder rechte Maustaste, Playback – da wurde ich fündig. Man sollte die Geschwindigkeit mit Hilfe von Tasten regeln können, was sinnvoll erscheint, damit man im laufenden Film schneller oder langsamer einstellen kann. Das funktionierte aber nicht. Was nun? Die Tastenkombination sollte sein: Shift(Umschalt) und dazu jeweils + oder – auf dem Zahlenblock; das wäre ja einigermaßen intuitiv. Nur dass es nicht funktionierte. Da hatte ich die Idee, die Tastenbelegung umzudefinieren; dazu ruft man mit F2 die Einstellungen auf und kann dann unter General-Keys/Global Control alles neu belegen. Ich habe dieselben Tasten genommen, nur nicht auf dem Zahlenblock, und schon geht es: Ich kann die Geschwindigkeit beliebig rauf- und runterregeln. Nur ist jetzt der Ton entsprechend langsamer oder schneller, was natürlich einen sehr eigenartigen Effekt ergibt. Bei dieser Gelegenheit bin ich auf einen Begriff gestoßen, den ich noch nicht kannte: Timestretching. Google und Wikipedia halfen weiter. Das ist ein Trick, mit dem man den langsamer oder schneller laufenden Ton, der dadurch in der Tonhöhe verändert wird, wieder künstlich an die normale Lage angepasst. Das ist ein Schalter; man kann das also an- oder abwählen. Mit Timestretching klingt der Ton nicht weniger merkwürdig, da ja ganz einfach alles viel langsamer kommen muss, aber es ist nicht ganz so irritierend. Aus einer Frauenstimme wird nicht ein kellertiefer Bass. Am besten stellt man den Ton einfach aus. Und jetzt kommt's: Wolfgang Krischke sitzt keineswegs wie angeklebt im Sattel; wenn der Film langsam genug läuft, sieht man sehr deutlich, wie er im Gegenteil ziemlich hin- und hergeworfen wird. Wie kann man das verstehen? |
Anschließend habe ich das Bildbetrachtungsprogramm XnView auf das Verzeichnis angesetzt, das erste Bild vergrößert und dann mit der Bild-Taste durchgeblättert. Wenn die Bilder alle im Speicher sind, geht das sehr schnell. Man kann dann eine Art Film-Effekt erzielen. Da erst habe ich begriffen, wie die Täuschung zustande kommt. Natürlich wollte ich Ihnen diese Täuschung sichtbar machen. Dazu habe ich aus diesen Bildern ungefähr 35 ausgewählt, die hintereinander lagen, am Ende der Sequenz. Aus früheren Erfahrungen wusste ich, dass die Datei, die ich daraus basteln wollte, viel zu groß sein würde und viel zu viele Informationen enthielte. Also habe ich jede zweite Datei rausgeworfen. Diesen Prozess habe ich wiederholt, bis ich nur noch acht Bilder hatte. Diese Bilder habe ich dann zugeschnitten, verkleinert, geschärft und in mein Animationsprogramm geladen. Damit man den Vorgang genau beurteilen kann, habe ich die Bilder noch einmal verdoppelt, und zwar in der umgekehrten Reihenfolge, so dass die gif-Datei, die ich daraus machen wollte, wie in einer Schleife läuft, so wie ich das vorher in XnView manuell ausprobiert hatte. Das Ergebnis sehen Sie links oben. Es besteht aus 15 Bildern, weil das mittlere Bild nicht verdoppelt werden musste, sondern einfach nur doppelt so lange angezeigt wird wie die anderen. Die Datei ist immerhin fast ein halbes Megabyte groß. Zunächst sieht man den Galopp vorwärts, dann wird die gesamte Bewegung noch einmal zurückgespult, um sich dann zu wiederholen. Man sieht sehr schön, welche gewaltigen Bewegungen das Pferd unter dem Reiter macht und welche kompensierenden Bewegungen der Reiter synchron zu den Bewegungen des Pferdes macht. Achten Sie beispielsweise auf seine Beine in Relation zum Sattelgurt und sein Gesäß in Bezug auf die Sattelfläche. Es gibt auch andere Aufnahmen, wo andere Bewegungsabläufe deutlicher werden, aber ich musste eine Auswahl treffen und diese ist genauso gut wie andere. Das Verblüffende ist, dass der Oberkörper trotz der enormen Bewegungen so gut wie unbeweglich ist. In dieser Folge gibt es eine leichte Kippbewegung nach vorne, was ein Ausreißer ist – normalerweise sitzt Wolfgang Krischke wirklich absolut unbeweglich und senkrecht, egal was das Pferd unter ihm macht. Und das nimmt unser Auge so wahr, als ob er sich überhaupt nicht bewegen würde, sondern „wie angeklebt“ auf dem Pferd sitzt. Zufällig hat der Spiegel in dieser Woche unter dem Thema » Optische Täuschungen einige Videos veröffentlicht, die auf teilweise verblüffende Weise zeigen, wie das Auge sich täuschen lässt. Die Versuchsanordnungen dazu sind manchmal sehr trickreich. Hier geht es aber natürlich nicht eigentlich um eine optische Täuschung, sondern um die Täuschung der Wahrnehmung. Unser Auge möchte glauben, der Reiter sei völlig unbewegt auf dem sich bewegenden Pferd. In Wirklichkeit ist es aber höchstens sein Oberkörper, der sich nicht bewegt, und auch der nur in einer Richtung. Das ist es vielleicht, was den Eindruck der Harmonie und des Einklangs erzeugt. Daneben beeindrucken natürlich auch die Pferde – sie sind extrem versammelt, konzentriert, kräftig und – ist geschmeidig das richtige Wort? |
Abbildungen |
| Verantwortlich i. Sinne d. Pressegesetzes: Dr.math. Werner Popken USt-Id DE270546213 · Steuernummer 331/5075/2068 |
Die Adresse dieser Seite: Diese Seite wurde generiert am 24.05.2012 01:11:45 |