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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 614, erschienen am 03.01.2011

Magazin  Ausgabe 614

Kentaurenkampf, Parthenonfries
Klassische griechische Bildhauerkunst

Foto: Autorenhinweise m_red  » Werner Popken
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Die Griechen und das Pferd
  2. Abschnitt  Pferde
  3. Abschnitt  Kunst
  4. Abschnitt  Xenophon
  5. Abschnitt  Kapitzke
  6. Abschnitt  Quellen / Verweise
  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis
Teil Teil 1, Ausgabe Magazin 611:
Hauptartikel  König Pferd – ein wohlfeiles Wunderwerk

Teil Teil 2, Ausgabe Magazin 612:
Hauptartikel  Warmblüter und Vollblüter

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 613:
Hauptartikel  Pferde und Krieger

Teil Teil 4
Die Griechen und das Pferd

Teil Teil 5, Ausgabe Magazin 615:
Hauptartikel  Die Perser und ihr Bezwinger Alexander

Teil Teil 6, Ausgabe Magazin 616:
Hauptartikel  Etrusker, Skythen, Kelten

Teil Teil 7, Ausgabe Magazin 617:
Hauptartikel  Kelten und Römer

Teil Teil 8, Ausgabe Magazin 618:
Hauptartikel  Römer, Chinesen, Germanen

Teil Teil 9, Ausgabe Magazin 619:
Hauptartikel  Die Araber und ihre Pferde

Teil Teil 10, Ausgabe Magazin 620:
Hauptartikel  Die Wikinger und die Islandpferde

Teil Teil 11, Ausgabe Magazin 621:
Hauptartikel  Die Eroberung Englands

Teil Teil 12, Ausgabe Magazin 622:
Hauptartikel  Die Ritter sind unter uns

Teil Teil 13, Ausgabe Magazin 623:
Hauptartikel  Die Mongolen kommen

Teil Teil 14, Ausgabe Magazin 624:
Hauptartikel  Das Pferd in der Renaissance

Teil Teil 15, Ausgabe Magazin 625:
Hauptartikel  Das Pferd in der Neuen Welt

Teil Teil 16, Ausgabe Magazin 626:
Hauptartikel  Das Pferd im Barock

Teil Teil 17, Ausgabe Magazin 627:
Hauptartikel  Die Türken kommen

Teil Teil 18, Ausgabe Magazin 628:
Hauptartikel  Friedrich II., König von Preußen

Teil Teil 19, Ausgabe Magazin 629:
Hauptartikel  Napoleon der Kleine

Teil Teil 20, Ausgabe Magazin 630:
Hauptartikel  Indianer und Pferde

Teil Teil 21, Ausgabe Magazin 631:
Hauptartikel  250 Jahre US-Kavallerie

Teil Teil 22, Ausgabe Magazin 632:
Hauptartikel  Cowboys – der Mythos

Teil Teil 23, Ausgabe Magazin 633:
Hauptartikel  Der letzte Kriegseinsatz
http://www.equivox.de/Hauptartikel

Hauptartikel oben 

Beeindruckender Pferdekopf aus dem Quadrigagespann der Mondgöttin Selene
Primitive Bronzestatuette aus Olympia, wahrscheinlich ein Weihegeschenk
Kindliches Dreiergespann im geometrischen Stil, Terrakotta, circa 900 v. Chr.
Die Griechen und das Pferd

Kunst und Interpretation: Wo die Experten sich uneins sind

Zum Thema
Thema  Geschichte



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


Nachdem Wikipedia-Link» Hans Dionys Dossenbach das Kapitel „Pferd und Mensch in der Geschichte“ im Buch EquiVoX-Link König Pferd mit wunderschönen Aufnahmen aus prähistorischen Höhlen und allgemeinen Überlegungen über den Beginn der Pferdezucht und die ersten historischen Überlieferungen in Ägypten und Assyrien eröffnet hatte, beschäftigt er sich mit den Griechen. Diesen Leuten verdanken wir bekanntlich einen Großteil unserer heutigen westlichen Kultur.

Auf die Griechen, speziell Wikipedia-Link» Xenophon, beruft sich ja heute auch noch die Reitkunst. Hatte der Autor für die vorherigen Abschnitte jeweils eine Doppelseite vorgesehen und dort je nach Größe der Fotos mehr oder weniger Text untergebracht, spendiert er für die Griechen zwei Doppelseiten und viele kleine Abbildungen, insbesondere aus dem berühmten Parthenonfries.

Zunächst schildert er die Anfänge der Invasion der Völker, aus denen die Griechen werden sollten, nach Griechenland und würdigt, dass die ersten 1000 Jahre dieser Besiedlung in keiner Weise darauf hindeuten, dass dieses Volk einmal besondere Kulturleistungen vollbringen würde, die bis heute nachwirken.

Dann macht er darauf aufmerksam, dass der Wandel der politischen Verfassung vom Königtum zur Demokratie, die er in Anführungszeichen schreibt, ein gewaltiger Umschwung darstellt, der möglicherweise Auslöser für die folgenden Errungenschaften war.

Die damaligen Demokratien haben mit unserem heutigen Verständnis von Demokratie allerdings schon deshalb nichts zu tun, weil, wie der Autor sehr richtig bemerkt, die Bürger zwar gleichberechtigt waren, es sich bei diesen jedoch nur um einen Teil der Bevölkerung handelte, während der Rest der Bevölkerung aus Sklaven, Zugewanderten, unterdrückter Urbevölkerung und anderen Menschen bestand, die keinerlei Rechte besaßen.

Die USA, die sich bei ihrer Gründung auf demokratischen Errungenschaften der Griechen beriefen, hatten deshalb auch gar keine Probleme damit, dass es sich bei ihnen ebenfalls um eine Zweiklassengesellschaft handelte, bei der eben nicht jeder gleich war, wie es die Verfassung verkündete. Alles nur eine Frage der Definition.

Ein Sklave ist in diesem Sinne einfach kein Mitglied der menschlichen Gesellschaft, sondern ein lebender Handelsgegenstand, der vom rechtlichen Standpunkt aus nicht anders zu betrachten ist als beispielsweise Tiere, und kann deshalb auch keine Rechte geltend machen – er ist rechtlos. Mit dieser juristischen Spitzfindigkeit ist die Welt wieder in Ordnung und der Anspruch erfüllt.

Diese grundsätzlichen Probleme wurden auch von Männern wie Heraklit, Thales und Anaximander, die der Autor aufführt und als Philosophen tituliert und denen er attestiert, erstmals nach der Bedeutung des Menschen geforscht zu haben, nicht bearbeitet – sie haben sie vermutlich nicht einmal zur Kenntnis genommen, weil diese Ungerechtigkeiten Grundlage der Gesellschaft waren und deshalb gar nicht ins Blickfeld gerieten.

Was man aber nicht sieht, kann man nicht erkennen. Eine Ungerechtigkeit, ein Unrecht muss überhaupt erst einmal als Ungerechtigkeit oder Unrecht empfunden werden. Das ist auch heute noch so, man braucht gar nicht weit abzuschweifen. Wer beispielsweise gegen die Rollkur ist, wird einem Anhänger dieser Ausbildungsmethode nicht klarmachen können, was daran abzulehnen ist, weil dieser eine andere Sichtweise pflegt und deshalb den Standpunkt des anderen gar nicht einnehmen kann.

Pferde  oben 



Rotfigurige Vasenmalerei: Reiter bekommt vor dem Rennen Wein
Violinenmännchen mit Zweiergespannen und zweiachsigen Wagen mit Veirspeichenrädern auf einem Mischkrug, Mitte 8. Jhd. v. Chr.
Streitwagen auf Mischkrug, 570 v. Chr.
Ein weiteres Beispiel, das uns vielleicht nähergeht: Für uns sind die Todesstrafe oder grausame Körperstrafen, wie sie etwa das islamische Recht vorsieht, vollkommen inakzeptabel. Für die Mitglieder der betreffenden Kulturkreise hingegen ist unsere Sichtweise fremd und nicht nachvollziehbar – für sie handelt es sich um das Gesetz, und das ist vielleicht sogar auch noch religiös gerechtfertigt. Was will man dagegen sagen?

In diesem Sinne ist die Gesellschaft der Griechen für uns fremd, selbst wenn wir sie idealisieren sollten – man denke nur an deren chaotischen Götterglauben, der ja nicht belanglos war wie zur heutigen Zeit, sondern das Leben direkt und intensiv betraf. Die Griechen haben zwar alle fremden Völker pauschal als Barbaren gebrandmarkt und wir haben diesen Begriff übernommen, aber eigentlich sind sie für uns ebenfalls Barbaren.

Viele ihrer Bräuche und Haltungen müssen uns rückständig erscheinen, insbesondere die Sklaverei. Um neue Sklaven zu beschaffen, musste man sich nicht nach Afrika bemühen. Es reichte, andere Leute zu überfallen, ihnen jeglichen Besitz zu rauben und sie selbst zu Sklaven zu machen. Ein prima System, nicht wahr?

Zu Pferden, so führt der Autor aus, hatten die Griechen ein anderes Verhältnis als die bisher behandelten Völker, die Pferde vor allem als Kriegsgerät schätzten und einsetzten, denn merkwürdigerweise hatten die Griechen keine Verwendung für sie in dieser Rolle, obwohl sie zweifellos genügend Kontakt zu anderen Völkern hatten, um von denen zu lernen und Vergleiche zu ziehen.

Der pferdebespannte Streitwagen kam etwa um 1500 v. Chr. nach Griechenland. Eine entscheidende Rolle hat er aber dort nie gespielt, denn die gebirgige Landschaft des Festlandes war für Fahrzeuge ebensowenig geeignet wie die Inselwelt der Ägäis.

Eine bemerkenswerte Kavallerie scheint es in den griechischen Kriegsverbänden erst um 700 v. Chr. gegeben zu haben, als sich auf Euböa die Städte Eretria und Chalkis um den Besitz der fruchtbaren letantischen Ebene stritten. Doch selbst noch 200 Jahre später, in den heftigen Kriegen gegen die Perser, die über hervorragende Pferde und Reitersoldaten verfügten, maßen die Griechen einer Kavallerie offenbar wenig Bedeutung bei. Selbst als die Perser bei ihrem Versuch, an der Küste von Marathon an Land zu gehen, geschlagen und auf ihre Schiffe zurückgetrieben worden waren, schickte man mit der Siegesbotschaft nicht einen Reiter, sondern einen Meldeläufer nach dem über 40 Kilometer entfernten Athen. Dieser »Marathonlauf« wurde später zu einem Begriff in sportlichen Wettkämpfen.

Erst unter Alexander dem Großen (356 bis 323 v. Chr.) wurde die griechische Kavallerie zur wirklich entscheidenden Truppe (vergleiche Seite 114/115).

a.a.O., Seite 110

Bei der Geburt des großen Alexander war Xenophon aber bereits gestorben – er lebte von etwa 430 bis 355 v. Chr.

Die Beobachtung hinsichtlich des legendären Marathonlaufs ist wirklich erschütternd: Die Griechen können das Pferd nicht als praktisches und unschlagbares Reittier gesehen haben – oder aber die Topographie dieser Gegend ist so unzugänglich, dass ein Reiter einem Läufer unterlegen wäre. Leider kann ich darüber keine Aussage machen, aber ich halte diese Annahme für recht unwahrscheinlich.

Obwohl das Pferd in der Kriegskunst also definitiv zunächst keine Rolle spielte, taucht es in der Kunst häufig auf. Einige der berühmtesten Pferdebilder ((fast alle sind verloren) und -skulpturen aller Zeiten wurden von den alten Griechen geschaffen.

Kunst  oben 



Das trojanische Pferd, kykladische Reliefamphore, 7. Jhd. v. Chr.
Votivbild, Terrakotta, Zypern, 7. Jhd. v. Chr.
Die Quadriga des Apollo
Im kulturellen Leben spielte das Pferd in Griechenland eine sehr viel größere Rolle als je zuvor in irgend einem anderen Land. Die Verehrung, die ihm die Griechen entgegenbrachten, spiegelt sich in reichstem Maße in der Kunst und in der Sagenwelt. Der Sonnengott Helios steigt mit einem Vierergespann am östlichen Firmament empor, und die Pferde Lampos und Phaeton ziehen Eos, die Göttin der Morgenröte, daher. Auch der Mondwagen ihrer Schwester, der Göttin Selene, ist mit Pferden bespannt. Pegasus heißt das geflügelte Pferd, das Blitz und Donner des allmächtigen Gottes Zeus daherträgt. Das Gespann des Kriegsgottes Ares, von dessen Söhnen Phobos und Deimos erweckt Angst und Schrecken. Pluton entführt Persephone mit einem Pferdegespann in die Unterwelt. Herakles reitet bei der Eroberung von Elis den göttlichen, von Poseidon stammenden Hengst Arion. Weintrunkene Götter jedoch, wie etwa Bakchos und Hephaistos, sieht man oft auf Eseln oder Maultieren dargestellt.

Während Maultiere in vielen anderen Ländern hochgeschätzt waren und mancherorts sogar von Adeligen als Reittiere vorgezogen wurden, züchtete man sie in Griechenland fast ausschließlich zur Verrichtung ordinärer Arbeiten, welche man offenbar keinem Pferd zumuten wollte. Immerhin gab es in den olympischen Spielen auch vereinzelte Rennen für Maultiere im Zweier- und Vierergespann.

a.a.O., Seite 110

Damit hat der Autor die Kunst übersprungen und ist von der Sagenwelt zum Sport gekommen. Das ist der Bereich, wo auch in unserer Welt die Pferde ihren Platz gefunden haben und eine große Rolle spielen: Die Sagenwelt ist für den modernen Menschen unerheblich, in der Kunst sucht man das Pferd vergeblich, aber im Sport wird es gefeiert und ist unentbehrlich.

Das hängt natürlich weniger mit unserer modernen Welt zusammen als mit charakteristischen Eigenschaften des Menschen, wie der Autor ganz richtig erkennt; und er arbeitet heraus, dass unser moderner Sport erst mit den Griechen beginnt, obwohl sportliche Wettkämpfe zu Pferde mit Sicherheit schon Tausende Jahre älter sind:

Pferderennen als vergnügliche Wettstreite, vor dem Wagen und unter dem Reiter, sind wohl so alt wie das Fahren und Reiten überhaupt. Aber erst bei den Griechen entwickelten sich daraus große, wohlorganisierte Veranstaltungen in den Hippodromen, den eigens zu diesem Zweck gebauten Anlagen, und sicher kann man sagen, dass die eigentliche Geschichte des Pferderennsportes in Griechenland begann.

Schon im Epos Ilias ist ausführlich von Wagenrennen die Rede, und die taktischen Ratschläge, die Nestor dem Antilochus erteilt, zeugen bereits von einiger Erfahrung in diesem Sport, in welchem Fahrtechnik und Tricks ebenso wichtig waren wie schnelle, ausdauernde Pferde.

Es gab also schon sehr früh und in verschiedenen Teilen Griechenlands Rennen, aber erst bei den 25. religiösen Spielen, die im Tempelbezirk von Olympia abgehalten wurden, gab es nebst den gymnastischen Übungen auch ein Pferderennen für Quadrigas, für Vierergespanne vor Zweiradwagen. Gewonnen wurde es vom Stutengespann Pagondas aus Theben, und zwar nicht, weil es schneller, sondern weil es gehorsamer gewesen sein soll als die Hengstgespanne der Gegner. Das war im Jahr 680 v. Chr.

a.a.O., Seite 111, 112


Außer in Olympia gab es auch in Delphi, Korinth und Pylos Hippodrome; sie waren langrechteckig oder langoval gebaut und mit Wendepfosten markiert. Das Hippodrom in Delphi war 740 Meter lang und oval; die Rennen wurden, egal ob mit Wagen oder im Sattel, über 12 Runden ausgetragen, also 8, 88 Kilometer – eine wesentlich längere Strecke als heute üblich.

Erst 396 v. Chr. wurden Rennen für Junghengste im Vierergespann und unter dem Reiter über kurze Distanzen eingeführt, erfahren wir – der Autor erläutert allerdings nicht, was hier unter kurz zu verstehen ist. Der christliche Kaiser Theodosius I. verbot die Olympischen Spiele im Jahr 393 n. Chr. – sie hatten also über 1000 Jahre lang regelmäßig alle vier Jahre stattgefunden.

Xenophon  oben 



Parthenonfries, British Museum, London
Ob die modernen Olympischen Spiele, die 1896 eingerichtet wurden, so lange Bestand haben werden, werden wir nicht mehr erleben. Immerhin mussten sie schon mehrfach wegen der Weltkriege ausgesetzt werden. Pferderennen und Wagenrennen sind bei den modernen Spielen bis heute nicht zugelassen. Selbst wenn, würde man nicht mit Quadrigas antreten – diese Art Anspannung hat die Antike nicht überlebt.

Unvermeidlich muss der Autor auf Xenophon zu sprechen kommen, der sich seinerseits auf ein Buch des Atheners Simon berief, von dem nur Bruchstücke bekannt sind. Die älteren Zeugnisse schriftlicher Anweisungen zur Haltung, Pflege und Fütterung von Armeepferden, die auf assyrischen Tontafeln überliefert sind, werden zwar erwähnt, jedoch nicht für bedeutsam erachtet.

Xenophon (etwa 430-355 v. Chr.) indessen wurde durch seine Werke der wohl berühmteste Hippologe überhaupt. Von seinen Büchern über Pferdezucht, Jagd und Reitkunst enthält vor allem Peri hippikes alle wichtigen Grundlagen für den psychologisch richtigen Umgang mit Pferden.

Xenophon gilt als der Schöpfer der klassischen Dressur, die mit dem Untergang des alten Griechenland in Vergessenheit geriet und erst in der Renaissance in Italien wieder zu blühen begann.

a.a.O., Seite 113

Diese Zeilen werden mit acht Ausschnitten aus dem berühmten Parthenonfries begleitet, die durch folgenden Text erläutert werden:

In den Jahren 448-433 v. Chr. entstand in Athen eines der großartigsten Werke, die je von Menschenhand geschaffen wurden: Der Parthenontempel der Architekten Iktinos und Kallikrates. So erstaunlich wie der Tempel selbst, ist der Fries, mit dem er geschmückt ist. Die Relieffiguren, zu einem großen Teil Pferde, geritten und ungeritten, stammen aus der Hand des Bildhauers Phidias und seiner Schüler. Sie zeugen von einer vollendeten Bildhauerkunst und vermitteln zugleich – was für den Hippologen besonders interessant ist – einen klaren Eindruck vom hohen Stand der Reitkunst in der griechischen antike, und zwar bereits vor der Zeit des großen Xenophon. Die Pferde sind klar versammelt und hoch aufgerichtet, die Reiter sitzen meisterhaft auf den blanken Pferderücken, dicht hinter dem Widerrist, tief »im« Pferd und in vollkommener Gelöstheit. Die Oberschenkel sind zum Körper nur wenig angewinkelt, die Unterschenkel hängen locker herunter. Nicht selten sehen Hippologen in diesen Darstellungen ein falsches Größenverhältnis von Reiter und Pferd. Sicher aber waren damals die Pferde der Griechen bedeutend kleiner als etwa unserer heutigen europäischen Warmblüter.

a.a.O., Seite 113

So spricht ein Pferdekenner, und viele werden ihm uneingeschränkt beipflichten. Die Reitkunst beginnt nicht nur im alten Griechenland, sie war damals schon zur Blüte gelangt. Ja, die alten Griechen! Nicht nur in Philosophie, in Mathematik, in Astronomie, nein, auch in der Reitkunst waren sie die Größten, und uns bleibt nur die unbedingte Bewunderung.

Ein anderer Pferdekenner urteilt ganz anders, wobei ich nicht umhin kann, diesem wesentlich mehr Vertrauen entgegenzubringen.

Aber urteilen Sie selbst – lesen Sie zunächst, was Gerhard Kapitzke zu sagen hat.

Kapitzke  oben 



Parthenonfries, British Museum, London
Ein Zitat des Buches EquiVoX-Link Gerhard Kapitzke: Das Pferd, das ich in meiner Rezension aus gutem Grund verwendet habe:

Zwei Reliefplatten aus dem Parthenonfries. Zeichnung: Kapitzke
Parthenonfries

Darstellung der Panathenäen-Prozession am Parthenontempel auf der Akropolis von Athen. Die in Marmor gemeißelten Reliefplatten (Durchschnittslänge 125 cm), die zwei gegenläufige Reihen von insgesamt 160 Meter Länge bildeten, entstanden zwischen 447 und 432 vor Christi in der klassischen Periode der griechischen Antike. Als Schöpfer gilt der Bildhauer Phidias. Unterschiede in der Stilisierung und die kurze Entstehungszeit lassen jedoch vermuten, daß mehrere Bildhauer am Werk waren. Ursprünglich waren die Reliefs farbig bemalt, Witterungseinflüsse haben die Farben gelöscht. Bohrlöcher verraten, daß die Figuren mit Zaumzeug und Waffen aus Bronze geschmückt waren, die von Metallräubern gestohlen wurden. Zerstörung, Verwitterung und Kunstraub verursachten im Verlauf der Jahrtausende starke Beschädigungen. Eine Anzahl weitgehend erhaltener Reliefplatten wurde in 19. Jahrhundert vor dem Verfall gerettet und ist heute im British Museum in London zu sehen.

Aus künstlerischer Sicht zählt der Fries zu den bedeutendsten Kunstwerken der Antike. Aus reiterlicher Sicht wird das Bildwerk – zumeist von reiterlichen Laien – als frühestes Zeugnis klassischer Reitkunst angesehen. Bei genauer Betrachtung wird jedoch deutlich, daß die reiterlicher Aussage brutale Unterwerfung des Pferdes ist. Die Griechen waren kein Reitervolk. Denkt man sich die (ursprünglichen) Bronzezäumungen hinzu, so verwandelt sich der Ausdruck freiheitlichen Pferdebändigens in Zwang und Dulderqual. Der Fries ist mithin ein zeitgenössisches Dokument über das Reitverständnis der Griechen, das keineswegs klassisch, also vorbildlich genannt werden kann. Verzweifeltes Aufbäumen der Pferde, erzwungene Aufrichtung der Vorhand, blankes Entsetzen im Blick rollender Augen und aufgerissene Mäuler als Folge brutalen Zügelreißens sind Anzeichen, die mit klassischer Reitkunst, also mit Versammlung, Durchlässigkeit und federndem Spannungsbogen, nichts gemein haben. Möglicherweise war die primitive und gewalttätige Reitmethode der Griechen Anlaß für >Xenophon, seine heute als klassisch geltende Reitlehre niederzuschreiben, um der griechischen Reiterei mehr Niveau zu verleihen.

a.a.O.

So viel zur griechischen Reitkunst von einem, der sich auskennt und darüber urteilen darf. Schlimmer kann ein Verriss nicht sein.

Mir scheint, Kapitzke sieht besser und genauer als Dossenbach und alle anderen, die die griechische Reitkunst und Xenophon in den Himmel heben. Man kann ja bekanntlich viel in alles hineininterpretieren, wenn es einem nur in den Kram passt. Und wer macht sich schon die Mühe und schaut genau hin und liest nach?

Wenn Sie sich für die geschichtlichen Aspekte der Pferde interessieren, sollten Sie sich meine elfteilige Serie  Pferde und Menschen, Eine komplexe Beziehung wandelt sich aus dem Jahre 2006 anschauen, die das Thema ausführlich behandelt.

In deren letzten drei Teilen wird insbesondere Xenophon ausführlich gewürdigt:  Xenophon, der Neunmalkluge,  Was sagt Xenophon? und  Reitkunst nach Xenophon.

In dieser Serie finden Sie auch die ausführliche Schilderung der bei Dossenbach nur kurz erwähnten assyrischen Vorschriften, die ebenfalls in neuerer Zeit zum Vorbild hochstilisiert wurden:  Meister-Pferdetrainer Kikkuli und  Training nach Kikkuli. Schaun wir mal, was die Alten sonst noch so zu bieten hatten. Die Griechen sind ja nicht alles.

Inhaltsverzeichnis Magazin oben 

Magazin  Magazin: Das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 614 vom 20.05.2012
Hauptartikel  Die Griechen und das PferdPferdemesse  Messe: NiederhofEditorial  Editorial: WinterRezension  Rezension: Wenn Erwachsene in den…Tip  Tip: Pferdebeobachtung I
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