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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 6, erschienen am 27.03.1999

Magazin  Ausgabe 6


Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Mit 89 dabei - Wilhelm Isemann und seine Zucht
  2. Abschnitt  Geschichte
  3. Abschnitt  Jugend
  4. Abschnitt  Fuhrmann
  5. Abschnitt  Angelina-Piquet
  6. Abschnitt  Zuchtverband
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Mit 89 dabei – Wilhelm Isemann und seine Zucht

Ein Leben mit Pferden

Zum Thema
Thema  Westfale



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


Vor 2 Jahren habe ich Wilhelm Isemann kennengelernt. Da war er 89 Jahre alt. Ich habe damals ein Fohlen von ihm gekauft, den einjährigen Pit, Sohn von Piquet, Enkel von Pilot (siehe Foto links).

Ich hatte diese Namen noch nie gehört, mich auch mit Zucht überhaupt nicht beschäftigt; ich suchte einen Kameraden für unser Fohlen, und mir gefiel Pit einfach sehr gut.

Pit ist heute drei Jahre alt. Sein jüngerer Vollbruder Prisco steht zweijährig noch bei Isemann im Stall, aber seine Mutter Angelina ist verkauft.

Gestern habe ich Isemann wieder besucht – seit letztem Jahr hat er kein neues Fohlen mehr gezogen. Die Preise sind im Keller, und auch das Alter gibt zu denken. Mit Pit hatte er schon seine Mühe.

Prisco ist zwar ganz lieb und leichter zu handhaben als Pit, aber Isemanns Enkelin Marion wollte wieder reiten, und die Zuchtstute Angelina war dafür völlig ungeeignet. Sie hatte in ihrem ganzen Leben noch nie einen Sattel getragen und nichts von der Welt gesehen außer ihrem Stall und der nahe liegenden Weide.

Im Stall steht deshalb heute neben Prisco als Reitpferd die Stute Felicitas mit ausgeprägten Gangarten, wie er sie eigentlich haben wollte, als er Angelina kaufte, im Alter von 83 Jahren. Fing mit Angelina alles an? Wie ist Wilhelm Isemann zur Zucht westfälischer Pferde gekommen?

Geschichte  oben 



Marion war schon pferdebegeistert, als sie noch recht klein war. Isemann war damals noch berufstätig als Kraftfahrer, die Enkelin verbrachte ihre Zeit im Reitstall und hatte Sehnsucht nach Pferden. Da versprach ihr der Opa: "Wenn ich Rentner werde, dann schaffen wir uns ein eigenes Pferd an!"

Als es dann soweit war, mußte ihn seine Frau erinnern. Bei nächster Gelegenheit sprach Isemann dann einen Bekannten aus dem Dorf an, und der hatte auch ein Pferd für ihn: Hirta, eine Oldenburger Stute. Hirta war ein Koloß, klein und breit, 11 Jahre alt, ein sogenannter "Moortreter" mit breiten Hufen. Sie kostete immerhin 12.000 DM.

Hirta war tragend vom westfälischen Hengst Picasso, der in der Nachbarschaft bei Schlüter in Häver auf der Deckstation des westfälischen Landgestüts stand. Mit Hirta begann die züchterische Laufbahn Wilhelm Isemanns. Er ließ Hirta noch einmal von Picasso decken und erhielt von ihr die ungleichen Geschwister Pascha und Panja, mit denen er und Marion viele Jahre Freude hatten.

Hirta wurde verkauft, Pascha war Hengst und wurde gelegt, Panja war Stute. Pascha entpuppte sich als sehr temperamentvoll, Panja war im Gegensatz immer sehr lieb. Marion ritt natürlich auch aus und animierte ihren Großvater mitzukommen.

So kam Wilhelm Isemann in hohem Alter zum Reiten. Dank Panja war das möglich. Im Gelände ging Pascha schon mal flott ab, aber Panja ließ sich durch nichts irritieren. "Ich hab' immer mit ihr gesprochen: Sei vorsichtig, ich bin ein alter Oppa! Und sie hat mich verstanden."

Panja ließ sich auch anspannen, zog den Wagen und den Pflug, aber mit Pascha war das nicht zu machen. Trotz mehrerer Helfer machte er einen Heidenaufstand und ging durch. Noch heute wundert sich Isemann, wie Vollgeschwister so unterschiedlich sein können. Pascha donnerte mit Marion los, schlug auch mal Haken, Panja ging mit ihm vorsichtig in kleinem Trab, machte nicht einmal einen Bocksprung.

Anfangs war also die züchterische Tätigkeit von Isemann eher zufällig. Er hatte Spaß am Reiten und Umgang mit den Pferden und konnte damit an seine Jugend anknüpfen. In seiner Jugend und als junger Mann hatte Wilhelm Isemann nämlich viel mit Pferden zu tun und damals schon bewiesen, daß er viel Pferdeverstand besitzt.

Jugend  oben 



Sein Vater hatte einen Fuhrbetrieb und mußte seine Pferde abliefern, als der Erste Weltkrieg begann. Da war Isemann 6 Jahre alt. Der Vater wurde zwangsverpflichtet und mußte in der Weserhütte in Bad Oeynhausen Granaten drehen. Mitten im Krieg starb die Mutter mit 42 Jahren und hinterließ 4 kleine Kinder.

Mit 9 Jahren mußte Wilhelm dem Vater zur Hand gehen. Sie hatten für 300 DM eine Kuh gekauft, die ziehen konnte. Eine zweite Kuh konnte nicht ziehen, wurde aber angelernt. Von 9 bis 11 hatte Wilhelm Schule, dann kümmerte er sich um das Vieh. Wenn der Vater nach Hause kam, wurde mit den Kühen geackert.

Wilhelm war stolz darauf, dem Vater helfen zu können, und wollte es noch besser machen. Eines Tages, mit 9 Jahren, spannte er selber die Kühe an und hatte schon sechs Furchen gezogen, da kam der Vater nach Hause. Er warf das Fahrrad weg, stürzte unter Geschimpfe auf den Acker: "Junge, was machst du da?" Aber dann besann er sich und lobte: "Na Junge: fürs erste Mal!"

So ähnlich hat er auch mit dem Säen angefangen. Aber da war ja erstmal nichts zu sehen, also blieb es bei der Schimpfe: "Junge, ob das da wohl wird?" Täglich sah Wilhelm nach, ob sich etwas regte, und tatsächlich hatte er etwas ungleichmäßig gesät. Da hat der Vater es ihm gezeigt, und seither sät Wilhelm Isemann aus der Hand so gleichmäßig, wie es nicht besser sein könnte. Natürlich hat er nach dem Säen auch gebetet.

So kam es, daß Wilhelm Isemann früh mit der Landwirtschaft und Tieren vertraut wurde. Seine Jugend fiel mit der Wirtschaftskrise zusammen, und dadurch hat er auch keinen Beruf erlernt. Mit der Tischlerei hat er es versucht, aber er wurde nicht warm damit.

7 DM Arbeitslosengeld gab es in der Woche, damit konnte man nicht viel anfangen. Aber irgendwann wendete sich das Blatt: Isemann fand seinen Platz. Ein Fuhrgeschäft in Bad Oeynhausen suchte einen Fahrer, und so meldete er sich. Mit 4 Pferden wurden schwere Lasten befördert, je 2 Pferde zogen 2 Wagen hintereinander, beladen mit bis zu 180 Zentnern.

Fuhrmann  oben 



Die Lage im Fuhrgeschäft sah nicht gut aus. Die Leute hatten keine Ahnung, die Pferde waren verdorben, auf dem Asphalt rutschten sie leicht aus, und wenn sie erst auf die Knie gefallen waren, war mit ihnen nicht mehr viel anzufangen.

Hier konnte Wilhelm Isemann schnell zeigen, was in ihm steckte. "Ein Pferd muß auf Menschen vertrauen." Also begann er mit seiner Vertrauensarbeit. Nach 14 Tagen waren die Pferde wie ausgewechselt. Der Chef hatte nicht viel Ahnung von Pferden, aber er sah ganz deutlich, daß hier ein Fachmann am Werk war. Isemann mußte sich anschließend sofort um die anderen beiden Pferde kümmern.

Die Pferde wurden fast ausschließlich mit Stimme gelenkt. "Hü" und "Hott" und "Brrrr" und "Geh" und "Tücke" (vorsichtig anrücken). Zum Vertrauen kam die Liebe, und die Pferde dachten mit.

Die Last war manchmal so schwer, daß die Eisen Funken schlugen, wenn die Pferde sich ins Geschirr legten. Zum Abladen wurden die Wagen oft umgekippt. Das wurde so gemacht: Beide Pferde wurden ausgespannt, ein Pferd stand auf der einen Seite des Wagens, Ketten gingen über den Wagen zu den Rädern, Isemann stand auf der anderen Seite und gab ein Kommando (Tücke), das Pferd zog vorsichtig an, und mit Millimeterarbeit wurde der Wagen langsam gekippt. Anschließend wurde das Pferd auf die andere Seite gestellt, der Wagen unter der Last hervorgezogen und wieder aufgerichtet.

Wenn die Dreschmaschine von Hof zu Hof gezogen werden mußte, manchmal dreimal am Tag, wurden die Pferde umgekehrt eingespannt und drückten die Maschine rückwärts auf die Tenne. Auch das war Millimeterarbeit, die Pferde standen mit dem Kopf direkt vor der Maschine. 70 bis 80 Zentner mußten dabei bewegt werden.

Auf schweren Böden mußte mit Pferden gepflügt werden, und wenn der Bauer keine hatte, mußte Wilhelm Isemann mit seinen Pferden anrücken. Auch damals waren die Zeiten schwierig. Der Stundenlohn für zwei Pferde und einen Mann betrug 1, 20 DM , und im Herbst konnte man nur 7 bis 8 Stunden arbeiten. Ein Sack Hafer kostete aber 9 DM! Die Pferde brauchten den Hafer, damit sie arbeiten konnten.

Wilhelm Isemann ist wenig gefahren. Meistens lief der Fahrer schräg hinter den Pferden her, und wenn es bergab ging, mußte er hinten am Wagen bremsen. Dann konnte er natürlich auch die Leinen nicht halten, aber das war ja nicht weiter problematisch, die Pferde gingen ja ohnehin auf Stimme.

Nie sind die Pferde weggelaufen oder gar durchgegangen. Wenn Isemann zum Friseur ging, spannte er lediglich einen inneren Strang aus – die Pferde blieben stundenlang stehen. Wenn das ein heutiger Fahrlehrer sehen würde! (Im Freilichtmuseum Detmold kann man es heute noch sehen: der Fahrer nimmt sein Mittagsmahl ein und spannt vorher einen Strang aus.)

Von 1931 bis 1939 war Wilhelm Isemann Fuhrmann, dann brach der Zweite Weltkrieg aus und er wurde eingezogen, kam erst nach Frankreich, dann nach Rußland und schließlich in russische Gefangenschaft, vier Jahre lang. Nach dem Krieg hat er zunächst als Busfahrer, dann zwanzig Jahre lang als Kraftfahrer gearbeitet bis zu seiner Pensionierung. Mit Pferden hatte er nichts mehr zu tun. Erst seine Enkelin brachte ihn wieder aufs Pferd, diesmal buchstäblich.

Angelina-Piquet  oben 



Die Zeit mit Pascha und Panja war schön, aber Wilhelm Isemann wollte nun etwas Besseres haben. Ein Käufer für die Beiden stellte sich ein, und plötzlich wurde Isemann krank. Er verbrachte 42 Tage im Krankenhaus, und in dieser Zeit wurden die Pferde abgeholt. Seither ist Wilhelm Isemann nicht mehr geritten. Aber noch im Krankenhaus überlegte er, wie er am besten an ein neues Pferd kommen könnte.

Damals ist er weit gefahren auf der Suche nach einem neuen Pferd und hat Angelina dann doch gleich vor der Haustür gefunden. Wilhelm Isemann wohnt in Bad Oeynhausen und Angelina wurde von "Schröders Jungens" gezogen, zwei Junggesellen aus dem Nachbarort Löhne. Angelina stammt von Angelo xx, einem berühmten Hengst aus dem Stall des nicht minder berühmten Züchters de Baeys aus Lemgo.

Sie war tragend von Wonneberger, als er sie kaufte, und brachte Zwillinge. Das ist unter Züchtern nicht beliebt, weil Zwillinge geringere Überlebenschancen haben und zumindest einer oft mickert.

Tatsächlich waren die ersten Tage schwierig, weil die Fohlen zu schwach waren, um selbst saugen zu können. Aber wie man sieht, haben sie sich dann doch prächtig entwickelt.

Anschließend hat Isemann seine Stute Angelina jedes Jahr von Piquet bedecken lassen, der ebenfalls in Häver stationiert war.

Der Großvater Pilot ist einer der großen Vererber des westfälischen Landgestüts gewesen. Seine Nachkommen waren viele Jahre hindurch Großverdiener im Sport.

Angelina hat ausschließlich Hengste gebracht. Die Söhne von Piquet hat Isemann Pado, Paco, Pit und Prisco genannt. Zumindest der Name Pit ist unter den Nachkommen von Pilot und Piquet sehr beliebt, es gibt eine ganze Reihe davon. (Unten Isemann mit Angelina und Pit.)

Von all diesen Dingen hatte ich keine Ahnung, als ich für unser eigenes Fohlen einen Kameraden suchte. Für meine Töchter hatte ich auf dem Kaunitzer Markt ein Pony und ein Großpferd gekauft (siehe auch › Homepage).

Später stellte sich heraus, daß die Stute einen Brand trug. Lange habe ich gesucht und viel gefragt, bis ich herausfand, daß sie aus hessischer Zucht stammte.

Noch später entwickelten sich immer mehr Hinweise dafür, daß sie tragend war: ein sogenannter Weideunfall.

Es war eine tolle Erfahrung, ein Fohlen aufwachsen zu sehen, aber als einjähriger Hengst nervte das Fohlen die erwachsenen Pferde zunehmend, und Pit sollte eine gute Gesellschaft sein, mehr nicht. Wir hatten insbesondere keinerlei sportliche Ambitionen.

Auch das gehört zur westfälischen Zucht: Züchter, die das Geschäft aus reiner Liebhaberei betreiben, und Halter, die ebenfalls einfach nur ihre Freude an den Pferden haben wollen. Heute sehen wir (und auch andere), daß Pit durchaus ein besonderes Pferd ist. Es ist eher die Frage, ob wir ihm gerecht werden können.

Wilhelm Isemann ist mit 91 Jahren immer noch vital, geistig und körperlich. Er hat viel Freude an seinen Pferden, und es ist auch klar, daß die Pferde ihn fit halten. An der Wand hängt ein Foto aus dem letzten Jahr, wo Isemann die Leinen hält und ein Freund den Pflug führt, der von seinem Haflinger alten Schlags gezogen wird. Aber wir wissen ja: Das ist ein gestelltes Foto für die Zeitung. Der Bauer braucht keine Leinen zum Pflügen. Die Pferde gehen auf Stimme.

Zuchtverband  oben 



In Nordrhein-Westfalen, einem der Bindestrich-Bundesländer, ist auch die Pferdezucht aufgeteilt. Es gibt das Westfälische Pferdestammbuch in Münster und das Rheinische Pferdestammbuch in Bonn, beides eingetragene Vereine mit eigenen Brandzeichen.

Westfälisches Pferdestammbuch e.V.
Postfach 460107
48072 Münster
Telefon 0251/32809-81
Fax 0251/32809-24


Rheinisches Pferdestammbuch e.V.
Endenicher Allee 60
53115 Bonn
Telefon 0228/703364
Fax 0228/766

Im Pferdezentrum Handorf (Münster) bzw. in Aachen finden mehrmals jährlich Auktionen und Verkaufswochen statt.

Außerdem vermittelt das Westfälische Pferdestammbuch an jedem letzten Montag im Monat ab 18 Uhr zwischen Züchtern und Käufern. In der beheizten Reithalle können die Pferde je nach Ausbildungsstand im Freispringen oder unter dem Reiter begutachtet und in der zweiten Halle ausprobiert werden.

Die Palette der angebotenen Pferde ist breit gestreut, Provisionen fallen nicht an. Das Team des Pferdestammbuchs steht auf Wunsch beratend zur Verfügung. Ansprechpartnerin: Nicole Biermann, Telefon 0251/32809-64, E-Mail m_red  » WestfalenPferde@t-online.de, Online » www.westfalenpferde.de; dort auch die Termine für die Auktionen und Verkaufswochen sowie Informationen über die angebotenen Pferde und die erzielten Ergebnisse.

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