Magazin |
http://www.equivox.de/HauptartikelHauptartikel |
![]() Nanu? Mensch bewegt sich, Pferd schaut zu |
Wir dürfen vermutlich nicht vergessen, dass eine solche Produktion mit riesigen Kosten verbunden ist, die man also nur auf sich nehmen kann, wenn man den Film im Prinzip schon verkauft hat, bevor die erste Szene gedreht ist. Fernsehanstalten – oder wer auch immer der Geldgeber ist – müssen also aufgrund eines Exposees entscheiden. Der Zuschauer will eindrucksvolle Szenen sehen, im Grunde mehr unterhalten werden als belehrt, und unter diesem Gesichtspunkt kann man die Schnittfolge und die Szenenauswahl durchaus verstehen. Um Neuhausers System begreifen zu können, ist eine solche Auswahl aber weniger optimal. Neuhauser hat betont, dass kein Pferd, das ihm jemals begegnet ist, so sensibel auf ihn reagiert hat wie dieses Wildpferd. Das kann man gern glauben, denn dieses Pferd hat eben mit Abstand am wenigsten Erfahrungen mit Menschen und wird deshalb desto empfindlicher reagiert haben. Darüber muss man sich also nicht wundern. Trotzdem hat diese Arbeit mit dem Wildpferd einen großen Wert. Um den Unterschied zu anderen Pferdeflüsterern deutlich zu machen, erinnere man sich an die Methode von Dieser hätte Cheyenne wahrscheinlich so lange getrietzt und gescheucht, bis sie aufgegeben und seine „Überlegenheit“ anerkannt hätte. Die von Roberts geschützte Bezeichnung
Toll, nicht? Dem Pferd wird zunächst pausenlosen Druck gemacht, dem es sich aber durch Flucht nicht wirklich entziehen kann, weil es ja durch den klassischen Roundpen oder sonstigen Zaun an der Flucht gehindert wird. Insofern darf man sich doch wundern, wieso das Pferd die angebliche Botschaft: „Ich bin einverstanden mit deiner Entscheidung zu fliehen“ ernst nehmen soll, da sie doch offensichtlich dreist und frech gelogen ist. Als Alternative bleibt dem Pferd die Unterwerfung. Bedingungslos, versteht sich. Das Pferd soll den Menschen als Leittier betrachten und ihm vertrauen; was sind das für Leute, die sich so etwas ausdenken? Würden Sie diesen Leuten vertrauen? Das Pferd muss sich diesem Despoten auch noch unterwürfig annähern und bekommt anschließend die Stirn gestreichelt. Für solche Errungenschaften wird man weltberühmt und bekommt einen Ehrendoktor! |
Stellen Sie sich bitte die ganze Szene bitte mal ausführlich mit Mutter und Kind (oder Vater und Kind) vor, um die ganze Ungeheuerlichkeit emotional zu erfassen! Das Kind wird so lange drangsaliert, ohne wirklich ausweichen zu können, bis es zu Kreuze kriecht, bis es vollkommen gebrochen ist und seinem Peiniger zu Füßen fällt, der ihm dann anschließend gnädig über den Schopf streicht. Widerwärtig! Der Vergleich mit Neuhauser zeigt zwar vordergründig dieselben Bedingungen, läuft aber völlig anders ab. Auch hier kann sich das Pferd durch Flucht nicht wirklich entziehen. Auch hier bewegt der Mensch das Pferd. Aber vorsichtig, nicht mit der Absicht, es zu unterwerfen. Er treibt das Pferd nicht so schnell wie möglich vor sich her, wirft schon gar nicht mit einem Seil nach ihm, sondern weicht teilweise auch zurück, um ihm Platz zu machen. Neuhauser respektiert die Stute mit all ihren Ängsten, weil er sich in sie hineinversetzt. Er lässt ihr Raum, damit sie sich sicher und wohl fühlen kann. Wenn er einen Schritt auf sie zu tut, ist das eher ein Angebot zur Kommunikation; genau so versucht er, sie zu stoppen. Es geht nicht um Kontrolle, sondern um Austausch. Etwa nach dem Motto: „Kann ich mit dir reden, hörst du mir zu, magst du mir antworten?“ Er redet mit allem, was er zur Verfügung hat: Er benutzt seinen Körper, speziell seine Stimme, seine Hände, seine Beine, und dazu die kurze Peitsche, deren Schnur er aufgewickelt hat. Die benutzt er schließlich dazu, sie zu berühren, wobei er den Abstand, den er mit ihr ausgehandelt hat, peinlich genau einhält. Er wird sich hüten, ihr zu nahe zu kommen, und weicht sofort zurück, sobald er das Gefühl hat, zu weit gegangen zu sein. In dem Moment, wo er sich ihr noch mehr nähert, benutzt er seine Hand in derselben Weise wie die Peitsche: Er bleibt also so weit wie möglich von ihr entfernt und bietet ihr lediglich die Hand, damit sie daran schnuppern kann. So nehmen Pferde Kontakt auf, so sollten Menschen Kontakt mit Pferden aufnehmen. Wir wissen nicht, was Pferde über ihren Geruchssinn wahrnehmen; unser Geruchssinn ist vergleichsweise ziemlich verkümmert, aber wir wissen, dass wir zumindest in Extremfällen Emotionen auch über unsere Gerüche signalisieren. Angstschweiß ist geradezu sprichwörtlich. Sympathie und Antipathie wird zumindest sprichwörtlich auch über den Geruchssinn definiert (jemanden gut oder nicht riechen zu können), was im Zeitalter der allgegenwärtigen Deodorantien und Parfümorgien leicht in Vergessenheit gerät. Kann das Pferd womöglich unsere Absichten riechen? Wundern würde es mich nicht. In der nächsten Sequenz geht Neuhauser um die Stute herum; statt sie direkt zu bewegen, bewegt er sich selbst, und sie folgt seinen Bewegungen. Hält man das für möglich? Haben wir nicht gerade erst gelernt, dass nach der Pferdelogik führt, wer den anderen bewegt? Dass der Mensch also das Pferd bewegen muss? Neuhauser bewegt das Pferd auch, aber er treibt es nicht vor sich her, sondern veranlasst eine Vorhandwendung, indem er sich selbst um das Pferd herumbewegt und seine Aufmerksamkeit fordert. Natürlich muss die Stute auch verfolgen, was er macht, denn er könnte ja immer noch potentiell bedrohlich sein; aber sie scheint eher neugierig zu sein und sich zu wundern, was er wohl für einer ist. Sobald sie irritiert ist, weicht er zurück und entschuldigt sich sowohl verbal als auch körpersprachlich; sie scheint das sofort zu akzeptieren, denn anschließend kann er sich wieder auf sie zubewegen. |
Klar, der Mensch hat sich die Erde erst einmal aggressiv unterworfen; zwar sind die erfolgreichen Kulturen regelmäßig vergleichsweise friedlicher und anspruchsvoller geworden, wurden jedoch ebenso regelmäßig durch primitivere und rücksichtslosere Völker überwältigt. Haben wir nicht noch im letzten Jahrhundert mit den Nazis einen Triumph dieser Denkweise aus nächster Nähe erleben können? Waren die Stalinisten etwa zimperlicher? Haben die USA heute irgendwelche Skrupel, andere Länder rücksichtslos zu überfallen? Gibt es nicht auch in Europa noch Staatsmänner, die eilfertig Schützenhilfe leisten wollen? Führen wir nicht selbst seit Jahren Krieg in Afghanistan, um den USA beizustehen? Die Gewaltmenschen sind mitten unter uns, und sie treiben sich auch in Pferdeställen herum. Nicht umsonst wird beschönigend von „Kraftreiterei“ gesprochen. Angesichts der jüngsten Skandale im deutschen Spitzensport dürfte es kaum jemanden geben, der sich irgendwelchen Illusionen hingibt, wenn es um die Mittel und Methoden geht geht, die Profis anwenden, um „Erfolg“ zu haben. Pferde sind in erster Linie Mittel zum Zweck; es alles andere ist Gefühlsduselei, vielleicht nützlich fürs Geschäft, möglicherweise sogar notwendig, aber mit Sicherheit nur vorgeschoben. |
Zur Selbstverwirklichung gehören auch die Pferde. Dumm nur, wenn die Sache nach hinten losgeht und die vermeintliche Erfüllung sich als unerschöpflicher Quell von Schwierigkeiten und Problemen erweist. Es wird Zeit, dass wir Cheyenne verlassen, uns aus dem Wilden Westen wegbewegen und wieder heimischen Gefilden nähern. Wer hat bei uns schon ein Wildpferd im Stall? Was soll es uns bringen, wenn Neuhauser Kontakt zu einem Wildpferd aufnehmen kann? Viel aussagekräftiger dürfte ein landläufiges Szenario sein. Die DVD bringt dazu in unerwarteter Offenheit ein sehr schönes Beispiel.
Dieses Schicksal ist, so steht zu fürchten, nicht so selten. Man hatte sich alles so schön vorgestellt, und was ist daraus geworden? Welche Opfer wurden gebracht und welches Leid war die Folge? Kann man jemandem Vorwürfe machen? Hat irgendjemand etwas falsch gemacht? Oder ist das alles ganz normal? Muss man sich damit abfinden? Soll das etwa so sein? Das Leiden mit diesem Pferd steigerte sich immer mehr, und für das Pferd selber äußerte sich das nicht nur im Verhalten, sondern vor allem auch körperlich.
O.k., auch dieses Pferd ist ein Extremfall. Es steht zwar in Deutschland und konnte zunächst als ganz normales Dressurpferd gelten, entwickelte sich dann aber zu einem besonders schwierigen Problem, dem viele Experten nicht mehr gewachsen waren. Ist solch ein Pferd ein Fall für den Tierarzt? Und wenn ja, wo setzt der an? Kann der überhaupt die Ursachen der Probleme finden? Ist er der richtige Ansprechpartner? Was ist die Ursache überhaupt? Handelt es sich nicht einfach nur um ein schwieriges Pferd, einen sturen Bock, dem man es mal so richtig zeigen muss, und wenn alles nichts nützt, kommt er halt in die Wurst, oder? |
Vertrauen in den Menschen? Was ist das denn? Kann man das messen? Selbst der Wissenschaft sind solche Sachen bis heute fremd. Dabei wird neuerdings sogar das Wirtschaftsgeschehen damit erklärt: Das Vertrauen in die Märkte sei verloren gegangen, deshalb die Wirtschaftskrise. Ach ja? Vertrauen? Kann man das kaufen? Kann man das horten? Kann man das bewerten? Bezeichnend ist die Reaktion der Tierärztin: Wenn das Tier Probleme hat, müssen diese körperlicher Natur, also messbar sein. Etwas anderes gibt es nicht. Merkwürdig, dass man Tieren keine seelischen Dimensionen zugesteht. Bei Menschen hat man immerhin eingesehen, dass viele körperliche Probleme seelische Ursachen haben, und dass es keinen Zweck hat, an den körperlichen Symptomen herumzumachen, weil man damit das Leiden nur noch vergrößert. Man muss die Ursachen bekämpfen. Menschen leiden, wenn man sie nicht beachtet und missbraucht. Warum sollte das bei Tieren anders sein? Die Symptome bei diesem Pferd waren sicher extrem, und wenn jemand bei extremen Problemen Erfolg hat, glaubt man ihm eher. Wie Neuhauser diese Probleme angegriffen hat, welche Hilfen er dem Pferd und seiner Besitzerin hat geben können, möchte ich in der nächsten Ausgabe untersuchen. Zum Abschluss die besprochene Sequenz, circa 1:23 Sekunden, als Video (4, 8 MB): Dieser Text wird durch das Video ersetzt, sofern
|
Abbildungen |
| Verantwortlich i. Sinne d. Pressegesetzes: Dr.math. Werner Popken USt-Id DE270546213 · Steuernummer 331/5075/2068 |
Die Adresse dieser Seite: Diese Seite wurde generiert am 24.05.2012 00:59:32 |