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Das Horse Sense Modell ist am Alexanderhof zusammen mit Josef Tramberger entwickelt worden und wird als – für den privaten Gebrauch kostenloses – elektronisches Buch in Form einer PDF-Datei angeboten. Sie können es sich herunterladen für die Lektüre mit dem Acrobat Reader oder online im Browser lesen oder auch einmalig auf Papier ausdrucken. Es umfaßt 72 Seiten. Da es reichhaltig farbig illustriert ist, wäre es nicht schlecht, wenn man für den Druck über einen leistungsfähigen Farbdrucker verfügt. Der Titel des Buches zeigt schon deutlich, wes Geistes Kind der Autor ist. Er wählt den Weg vom Verstand zum Gefühl, nicht umgekehrt. Der Verstand muß die Gegebenheiten durchdringen, aber das reicht nicht, wenn das Gefühl nicht zu seinem Recht kommt. Das Gefühl ist das Ziel, speziell das Gefühl für Pferde, und dieses kann der Autor am ehesten erreichen, indem er seinen Verstand einsetzt. Der Verstand und die Erfahrung sagen ihm, daß es keine alleinseligmachende Formel geben kann, die alle Menschen und alle Pferde glücklich macht. Man kann aber seine Erfahrung und seinen Verstand so schulen und erweitern, daß man auf alle Situationen intelligent und angemessen reagieren kann.
In diesem Sinne soll das Buch die Einsichten und die Möglichkeiten der Leser erweitern, damit ihre Freude im Umgang mit den Pferden wächst. Zugleich ist das Buch aber auch ein Übungsbuch mit konkreten Anleitungen. Die schon im ersten Buch positiv vermerkten Tugenden des Autors machen sich natürlich auch im zweiten deutlich bemerkbar.
Die Voraussetzung für eine erfolgreiche Kommunikation ist die Wahrnehmung; diese wiederum setzt Passivität und Ruhe voraus, wird jedoch durch Erfahrung gefiltert, so daß man unter Umständen nicht mehr wahrnimmt, was ist, sondern die aktuelle Wahrnehmung mit früheren Erlebnissen verwechselt und dadurch falsche Schlüsse zieht. Dem begegnet Kronsteiner durch ständige Reflexion, Lektüre, Austausch. Soweit die Wahrnehmung seitens des Menschen; aber auch das Pferd muß seinerseits wahrnehmen, und dazu muß sich der Mensch zunächst in Beziehung setzen und die Wahrnehmung möglicherweise herausfordern. Sofern sich das Pferd berühren und kraulen läßt, ist der Kontakt leicht gemacht. Für die schwierigen Fälle benutzt Kronsteiner den Roundpen etwa in der Art, wie Monty Roberts das weltweit bekanntgemacht hat, wobei er sich – vielleicht im Gegensatz zu diesem – stets dessen bewußt ist, daß es um Aufmerksamkeit geht und nicht mehr. Die Angelegenheit darf für das Pferd keinesfalls in Streß oder Schlimmeres ausarten. Statt zu polemisieren, stellt er einen warnenden Kasten ins Buch:
Das Kapitel wird mit dem Bericht einer gewaltlosen Auflösung einer scheinbar unlösbaren Phobie beschlossen, um die Schwierigkeiten der Wahrnehmung und die enormen Möglichkeiten der korrekten Beobachtung zu belegen. |
Einen breiten Raum nehmen in diesem Buch die Übungen ein, in diesem Kapitel insbesondere die Übungen zum Longieren. Dennoch will dieses Buch kein Übungsbuch sein, und die vorstellten Übungen illustrieren auch nicht ausschließlich das diskutierte Thema. Das deshalb nicht, weil man die Wirklichkeit nicht vollständig in den Schubladen aufteilen kann und jede Handlung, jedes Geschehen alle Aspekte zeigt, manche mehr, manche weniger. Insofern illustrieren die Übungen und Szenen ganz besonders dieses oder jenes Thema, können aber auch alle anderen Aspekte verdeutlichen. Zum anderen glaubt Kronsteiner nicht, daß es eine alleinseligmachende Übungsfolge geben kann. So wie wir Menschen und alle Pferde höchst unterschiedlich sind, müssen nach seiner Meinung die Begegnungen zwischen Pferd und Mensch jeweils individuell austariert werden. Das Buch will dazu Anleitung sein, Kronsteiner benutzt sich selbst als Beispiel für die Individualität eines Menschen, was natürlich auch für seine Pferde gilt.
Auf diese Weise illustriert der Autor auch noch seine These, daß Pferd und Mensch sich gegenseitig erziehen, indem nämlich das Pferd den Menschen spiegelt und dieser sich selbst durch diesen Spiegel erkennt und verändern kann. Beachtung heißt in diesem Sinne eben auch, daß Mensch und Pferd sich gegenseitig beachten. Dazu muß der Mensch sich voll auf das Pferd konzentrieren, um seinerseits die Konzentration des Pferdes zu bekommen. Natürlich geht er planmäßig und schrittweise vor; beispielhaft führt er sensibilisierende Übungen vor, etwa Anhalten, Rückwärtsrichten, Hinterhandweichen, Seitwärtstreten, die in drei Herausforderungen gipfeln: Linienführung, Tempo und Gangart, Springen. Zusätzlich zu den hervorragenden Fotos (Manfred Gruber) setzt er hier und anderswo noch Zeichnungen aus der Vogelperspektive ein (Renate Brandstetter und Alexander Kronsteiner). |
Schön gesagt. Aber kann man wirklich etwas damit anfangen? Wer aufrichtig ist, wird wohl kaum unaufrichtig sein wollen und möglicherweise auch nicht sein können, wer unaufrichtig ist – kann der aufrichtig sein? Dasselbe betrifft die Ungerechtigkeit und die Überheblichkeit. Mir scheint, daß der Überhebliche sich selbst nicht als überheblich empfindet – wie kann der seine Überheblichkeit abstellen? Der Ungerechte empfindet sich selbst als höchst gerecht, wofür der Begriff der Selbstgerechtigkeit steht. Und was die eigenen Fehler betrifft: Sobald ich sie erkannt habe, mag ich wohl bemüht sein, sie abzustellen, aber nur allzu oft werde ich feststellen müssen, daß ich dazu nicht in der Lage bin. Von meinen Fehlern, die ich gar nicht kenne, wollen wir nicht noch nicht einmal reden. Genug der philosophischen Überlegungen – wir wissen, was der Autor meint. Seine praktischen Ratschläge lassen sich allemal umsetzen – zum Beispiel die Übungen zur Desensibilisierung. Das ist natürlich nicht neu, und der Autor behauptet auch nicht, daß er das Rad neu erfunden habe – schon in seinem ersten Buch hat er Wert darauf gelegt, sich bei seinen Lehrern zu bedanken. Die hier vorgeführten Fotosequenzen erläutern alleine schon sehr gut das Prinzip und die Wirkungsweise; die begleitenden Texte tun ihr übriges, um den Weg zur Nachahmung zu ebnen:
Die Desensibilisierung ist unter anderem auch deshalb wichtig und nötig, weil auch andere Personen mit dem Pferd umgehen müssen und diese nicht gefährdet werden dürfen – Hufpfleger, Tierarzt, Reitschüler etwa. Also werden auch dafür Übungen entwickelt und vorgeführt, und zwar an Pferden, die es nötig haben. Das Prinzip ist immer dasselbe: Man beginnt mit dem Leichten und steigert sich allmählich bis zum Schweren. Ob es nun furchterregende Gegenstände wie Müllcontainer oder unüberwindbare Landschaftshindernisse wie Bäche oder Flüsse sind, alle sind sie nur willkommene Herausforderungen, die zur Bewältigung aufrufen. Wie hatte ich schon aus dem ersten Buch zitiert?
Auch die Zirkuslektionen und das Verladetraining gehören in diese Abteilung, denn sie bauen Vertrauen auf und setzen Vertrauen voraus. Geduld und Zeit erzeugen unvermeidlich jene Langeweile, die die Angst vertreibt und das Schreckliche und Unüberwindliche zur leichten Übung macht. |
Der Autor läßt sich natürlich auf keine Aussage festlegen, sondern empfiehlt, sich selbst eine Meinung zu bilden. Er jedenfalls hält es mit den klassischen Meistern und versucht, ihnen nachzueifern.
Zum Schluß hat sich der Kreis geschlossen, der Autor ist wieder bei der Wahrnehmung angelangt, weil er sich immer wieder fragen muß, wo er und sein Pferd steht:
Verweigerung, Unwille? Kann man sich das bei diesem Autor überhaupt vorstellen? Das müssen doch die Pferde der anderen Leute sein, die nicht mehr weiter wissen und diesen Experten zu Hilfe rufen, oder? Aber zweifellos ist Alexander Kronsteiner genau wie Sie oder ich als unwissendes Kind auf diese Welt gekommen und hat sich seine Erkenntnisse, Erfahrungen und Lebensphilosophie hart erarbeitet. Wie viele Umwege er dabei gegangen ist, wie viele Fehler er dabei gemacht hat, muß er uns nicht auf die Nase binden. Das würde uns zweifellos nicht weiterhelfen. Nachdem er uns sein gedankliches System und einen Teil seiner Übungen nahegebracht hat, gibt er dem Leser mit auf den Weg, daß er kein System erfinden wollte, daß er nicht glaubt, daß es ein System geben kann. Das Wichtigste ist für ihn die Freude von Pferd und Mensch, die Entwicklung von beiden gleichermaßen, und nur das läßt er als Maßstab gelten. So gibt er dem Leser mit auf den Weg, sich aus seinen Hilfen ein eigenes Gerüst zu entwickeln, anhand dessen er sich und sein Pferd weiterbringen kann, auf das beide mehr Freude miteinander und am Leben haben. Mir bleibt nun nur noch Ihnen zu empfehlen, das Buch zu lesen und zu studieren: » Mit Verstand zum Gefühl. Finanzielle Erwägungen können in diesem Fall keine Rolle spielen, tun das wahrscheinlich ohnehin nur äußerst selten. Lesen und studieren heißt ja, Zeit und Energie und Leidenschaft zu investieren, und daran mag es ebenso sehr mangeln wie an anderen knappen Ressourcen. Alexander Kronsteiner jedenfalls hat alles gelesen, was er erreichen konnte – anders ist ein solches Buch auch nicht denkbar. Sollten Sie meinem Rat folgen können, geben Sie bitte bei Gelegenheit dem Autor ein kleines Feedback, damit sich auch in dieser Hinsicht ein Regelkreis schließen kann. |
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