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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 468, erschienen am 17.03.2008

Magazin  Ausgabe 468

Mit Verstand zum Gefühl: Horse Sense
Ein Vier-Elemente-Modell aus Österreich

 
Foto: Autorenhinweise m_red  » Alexander Kronsteiner
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Pferdeverstand: Das Horse Sense Modell
  2. Abschnitt  Wahrnehmung
  3. Abschnitt  Beachtung
  4. Abschnitt  Vertrauen
  5. Abschnitt  Aktion
  6. Abschnitt  Quellen / Verweise
  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis
Teil Teil 1, Ausgabe Magazin 463:
Hauptartikel  Das Pferd, das unbekannte Wesen

Teil Teil 2, Ausgabe Magazin 466:
Hauptartikel  Mit Pferd und Hund unterwegs

Teil Teil 3, Ausgabe Magazin 467:
Hauptartikel  Meine Tiere sind meine Freunde
http://www.equivox.de/Hauptartikel

Hauptartikel oben 

Der Alexanderhof: Gemeinschaft für klassisches Reiten und integratives Voltigieren
Kommt es nicht oft vor, daß wir etwas wollen und werden offensichtlich nicht verstanden?!
Warum ist das so?
Das Horse Sense Modell 
Pferdeverstand: Das Horse Sense Modell

Mit Verstand zum Gefühl: Neues vom Alexanderhof

Zu den Themen
Thema  Kommunikation  Natural Horsemanship  Pferdeflüsterer



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


Vor vier Jahren habe ich ein Buch von Alexander Kronsteiner rezensiert: EquiVoX-Link Mit Sicherheit Pferde verladen. Es war eine positive Rezension, und deshalb sprach mich der Autor jetzt auf sein neues Buch an: » Mit Verstand zum Gefühl. In diesem Buch entwickelt er ein gedankliches Modell, das er "Horse Sense" nennt. Dieser Schritt war wohl unvermeidlich.

Aber bevor ich mich damit näher befasse, möchte ich Ihnen meine erwähnte Rezension ans Herz legen. Dort habe ich deutlich darauf hingewiesen, daß es in diesem Buch nicht nur um das Verladen geht.

Das Verladen gelingt als Konsequenz eines profunden Verständnisses der Kreatur Pferd, der Entwicklung eines ausgeprägten Pferdeverstandes und der besonderen Verladetechnik, die sich aus diesen Kenntnissen und Fertigkeiten ergibt. [...] Im Grunde geht es nicht nur um die Erziehung des Pferdes, sondern vor allem um die des Menschen. [...] Man kann das Buch sogar als eine Anleitung zum richtigen Leben auffassen.
a.a.O.

Insofern hätte man sich schon denken können, daß dieses erste Buch nach einer Fortsetzung verlangt. Da der Autor in seinem ersten Buch immer konkret beim Thema geblieben ist, muß man vermutlich nicht befürchten, daß man mit allzu viel Theorie oder Ballast befrachtet wird. Andererseits wurde ja schon die Tendenz des Autors deutlich, seine Arbeit mit einem gedanklichen Gerüst zu versehen; er führt dort eine kleine Grafik ein und schreibt dazu:

Ein kleines Gedankengebäude veranschaulicht meine Ideale. Auf einem ewig verbesserungswürdigen Fundament aus Pferdeverstand stehen Säulen, die meine Prioritäten in der Arbeit mit Pferden darstellen:

- Sicherheit für Mensch und Pferd
- Vertrauenssteigernder Umgang
- Konsequenz im eigenen Handeln

Das Dach über diesem gedanklichen Gebäude bildet die Ruhe.
a.a.O.

Hier kommt schon der Begriff "Pferdeverstand" vor, der das Thema des neu vorgelegten Buches ist. So übersetzt Alexander Kronsteiner den Begriff "Horse Sense", der freilich schicker klingt und deshalb als Marketingbegriff vorgezogen wird. Hatte er sein Gebäude vorher mit drei Säulen errichtet, sind es jetzt vier:

  1. Wahrnehmung
  2. Beachtung
  3. Vertrauen
  4. Aktion
Statt eines Gebäudes wählt er jetzt jedoch den Kreis als Symbol, der für die vier Grundelemente in vier Sektoren aufgeteilt wird.

Wie schon in seinem ersten Buch geht es also um ganz grundsätzliche Fragen, jetzt jedoch nicht ausgerichtet auf ein spezielles Problem wie etwa dem Verladen, sondern auf das möglicherweise noch in großer Ferne liegende, aber doch angepeilte Ziel hin, die klassische Reitkunst, die ja auch schon durch den Namen seines Instituts herausgestellt wird:

Gemeinschaft für klassisches Reiten und integratives Voltigieren

Wahrnehmung  oben 



Logo: Arbeit mit Pferden in ein Modell gefaßt
Stufe eins: Wahrnehmung
Die Ohren zeigen: nicht ganz bei der Sache
Aufwecken des Pferdes
Im Rahmen seines Reitbetriebs in Wikipedia-Link» Blindenmarkt im Wikipedia-Link» Mostviertel im Westen von Wikipedia-Link» Niederösterreich, westlich von Wikipedia-Link» Wien bietet Alexander Kronsteiner aber nicht nur das ebenfalls im Namen erwähnte » Voltigieren in den Varianten Sportvoltigieren und Heilpädagogisches Voltigieren an, sondern auch » Hippotherapie und elementaren » Reitunterricht. Der Autor ist zusammen mit seiner Frau für das Pferdetraining zuständig. Der vollständige Titel des Buches lautet:

Mit Verstand zum Gefühl
Das Buch vom Horse Sense Modell
Ein Weg mit Pferden

Das Horse Sense Modell ist am Alexanderhof zusammen mit Josef Tramberger entwickelt worden und wird als – für den privaten Gebrauch kostenloses – elektronisches Buch in Form einer PDF-Datei angeboten. Sie können es sich herunterladen für die Lektüre mit dem Acrobat Reader oder online im Browser lesen oder auch einmalig auf Papier ausdrucken. Es umfaßt 72 Seiten. Da es reichhaltig farbig illustriert ist, wäre es nicht schlecht, wenn man für den Druck über einen leistungsfähigen Farbdrucker verfügt.

Der Titel des Buches zeigt schon deutlich, wes Geistes Kind der Autor ist. Er wählt den Weg vom Verstand zum Gefühl, nicht umgekehrt. Der Verstand muß die Gegebenheiten durchdringen, aber das reicht nicht, wenn das Gefühl nicht zu seinem Recht kommt. Das Gefühl ist das Ziel, speziell das Gefühl für Pferde, und dieses kann der Autor am ehesten erreichen, indem er seinen Verstand einsetzt. Der Verstand und die Erfahrung sagen ihm, daß es keine alleinseligmachende Formel geben kann, die alle Menschen und alle Pferde glücklich macht. Man kann aber seine Erfahrung und seinen Verstand so schulen und erweitern, daß man auf alle Situationen intelligent und angemessen reagieren kann.

Wie definieren wir Mißerfolg?

Für mich ist Mißerfolg nicht das Verfehlen eines Zieles, sondern die Unfähigkeit aus Fehlern zu lernen, um es anders zu probieren. Wenn du nicht erreichst was du willst, dann ändere das was du tust. Das ist bitte nicht mit Wankelmütigkeit zu verwechseln!

a.a.O., Seite 17

In diesem Sinne soll das Buch die Einsichten und die Möglichkeiten der Leser erweitern, damit ihre Freude im Umgang mit den Pferden wächst. Zugleich ist das Buch aber auch ein Übungsbuch mit konkreten Anleitungen. Die schon im ersten Buch positiv vermerkten Tugenden des Autors machen sich natürlich auch im zweiten deutlich bemerkbar.

Mit einem Pferd zu arbeiten bedeutet mit einem Lebewesen kommunizieren und interagieren. Die Qualität dieser Kommunikation entscheidet über Erfolg oder Mißerfolg der Zusammenarbeit. Wir können den entscheidenden Einfluß nehmen – positiven und negativen. Den Draht zu unserem Pferd – unser Horse Sense – spielt sich auf verschiedenen Ebenen ab. Auf emotionaler oder spiritueller Ebene wird und soll das für jeden individuelle Ausprägungen haben. Auf geistiger und praktischer Ebene können wir konkrete Ansätze und Formulierungen finden, die uns bei der Kommunikation mit Pferden weiterhelfen. Das ist mein Ansatzpunkt.

a.a.O., Seite 5

Die Voraussetzung für eine erfolgreiche Kommunikation ist die Wahrnehmung; diese wiederum setzt Passivität und Ruhe voraus, wird jedoch durch Erfahrung gefiltert, so daß man unter Umständen nicht mehr wahrnimmt, was ist, sondern die aktuelle Wahrnehmung mit früheren Erlebnissen verwechselt und dadurch falsche Schlüsse zieht. Dem begegnet Kronsteiner durch ständige Reflexion, Lektüre, Austausch.

Soweit die Wahrnehmung seitens des Menschen; aber auch das Pferd muß seinerseits wahrnehmen, und dazu muß sich der Mensch zunächst in Beziehung setzen und die Wahrnehmung möglicherweise herausfordern. Sofern sich das Pferd berühren und kraulen läßt, ist der Kontakt leicht gemacht.

Für die schwierigen Fälle benutzt Kronsteiner den Roundpen etwa in der Art, wie Monty Roberts das weltweit bekanntgemacht hat, wobei er sich – vielleicht im Gegensatz zu diesem – stets dessen bewußt ist, daß es um Aufmerksamkeit geht und nicht mehr. Die Angelegenheit darf für das Pferd keinesfalls in Streß oder Schlimmeres ausarten. Statt zu polemisieren, stellt er einen warnenden Kasten ins Buch:

Der Roundpen ist kein Spielzeug! Man tut gut daran, sich von einem Profi auf diesem Gebiet begleiten zu lassen!

a.a.O., Seite 20

Das Kapitel wird mit dem Bericht einer gewaltlosen Auflösung einer scheinbar unlösbaren Phobie beschlossen, um die Schwierigkeiten der Wahrnehmung und die enormen Möglichkeiten der korrekten Beobachtung zu belegen.

Beachtung  oben 



Stufe zwei: Beachtung
Beim Hinterhandweichen tritt auch die Vorhand ein wenig vorwärts
Bewegungsrichtung beim Seitwärtstreten
Seitwärtstreten Hinter- und Vorhand
Wie unterscheidet sich Beachtung von Wahrnehmung? Beachtung ist von Respekt geprägt, es geht nicht mehr um passive Wahrnehmung und Filterung von Eindrücken, sondern um aktive Kommunikation. Dabei denkt man sofort an die Beeinflussung des Pferdes durch den Menschen, aber weit gefehlt: es geht umgekehrt um die Beeinflussung des Menschen durch das Pferd.

Wenn wir einen guten Draht zum Pferd finden wollen, müssen wir uns zuerst seine Beachtung erarbeiten. Das erreichen wir, indem wir das Pferd zuerst beachten – ihm folgen. [...] Die gewählten Übungen erscheinen nur auf den ersten Blick simpel. [...] Ich konnte beobachten, daß verlangte Lektionen an Kleinigkeiten gescheitert sind. Wir kennen das aus Verträgen, das Kleingedruckte wird nicht beachtet und überlesen. Die Folgen sind schmerzhaft. Bei der Arbeit mit Pferden verhält es sich gleich.

Die folgenden Themen sind deshalb so wichtig, weil sie unseren täglichen Umgang mit Pferden erleichtern und erst problemlos ermöglichen. Der enorme Nutzen liegt bei richtige Ausführung in der Steigerung der wechselseitigen Beachtung.

a.a.O., Seite 26

Einen breiten Raum nehmen in diesem Buch die Übungen ein, in diesem Kapitel insbesondere die Übungen zum Longieren. Dennoch will dieses Buch kein Übungsbuch sein, und die vorstellten Übungen illustrieren auch nicht ausschließlich das diskutierte Thema. Das deshalb nicht, weil man die Wirklichkeit nicht vollständig in den Schubladen aufteilen kann und jede Handlung, jedes Geschehen alle Aspekte zeigt, manche mehr, manche weniger.

Insofern illustrieren die Übungen und Szenen ganz besonders dieses oder jenes Thema, können aber auch alle anderen Aspekte verdeutlichen. Zum anderen glaubt Kronsteiner nicht, daß es eine alleinseligmachende Übungsfolge geben kann. So wie wir Menschen und alle Pferde höchst unterschiedlich sind, müssen nach seiner Meinung die Begegnungen zwischen Pferd und Mensch jeweils individuell austariert werden. Das Buch will dazu Anleitung sein, Kronsteiner benutzt sich selbst als Beispiel für die Individualität eines Menschen, was natürlich auch für seine Pferde gilt.

TIPP: Übung: Vergleich Eigen- mit Fremdwahrnehmung

Man ist sich seiner unbewußten Bewegungen manchmal kaum im Klaren. Man bemerkt überhaupt nicht, daß man sich manchmal sogar wider besseres Wissens völlig anders verhält als man selber meint. Hilfe kann hier ein freundlicher Helfer sein, der uns bei der Arbeit beobachtet. Hier als Beispiel genannt soll er nur auf ein einziges Detail achten: Wenn das Pferd den Zirkel verkleinert und wir zurückweichen, soll er "Jetzt" rufen. Ich war selbst erstaunt, wie oft mein Helfer anfangs rufen mußte. Der Lohn der Hilfe war ein wunderbar rund laufendes Pferd, als ich diesen Fehler nicht mehr gemacht habe. Ich begann dieses nachteilige Verhalten wahrzunehmen.

a.a.O., Seite 38

Auf diese Weise illustriert der Autor auch noch seine These, daß Pferd und Mensch sich gegenseitig erziehen, indem nämlich das Pferd den Menschen spiegelt und dieser sich selbst durch diesen Spiegel erkennt und verändern kann. Beachtung heißt in diesem Sinne eben auch, daß Mensch und Pferd sich gegenseitig beachten. Dazu muß der Mensch sich voll auf das Pferd konzentrieren, um seinerseits die Konzentration des Pferdes zu bekommen.

Natürlich geht er planmäßig und schrittweise vor; beispielhaft führt er sensibilisierende Übungen vor, etwa Anhalten, Rückwärtsrichten, Hinterhandweichen, Seitwärtstreten, die in drei Herausforderungen gipfeln: Linienführung, Tempo und Gangart, Springen. Zusätzlich zu den hervorragenden Fotos (Manfred Gruber) setzt er hier und anderswo noch Zeichnungen aus der Vogelperspektive ein (Renate Brandstetter und Alexander Kronsteiner).

Vertrauen  oben 



Stufe drei: Vertrauen
Anfängliche Furcht: ganz normal
Regenschirm? Langweilig.
Faß mich nicht an! Test mit Sicherheitsabstand.
Übung: Bandagen anlegen
In der dritten Stufe sieht Alexander Kronsteiner den allmählichen Wandel vom Folgen zum Führen.

Ich behaupte, daß Vertrauen für eine harmonische und konstruktive Kommunikation Bedingung ist. Wie kann ich Vertrauen entwickeln? Wie kann ich es verbessern und zu einer Selbstverständlichkeit machen? Im Folgenden beschreibe ich Übungen, mit denen wir Vertrauen aufbauen und erhalten können. Vor allem aber gewinnen wir Vertrauen, indem wir bereits vorhandenes nicht enttäuschen! Unaufrichtigkeit, Ungerechtigkeit und Überheblichkeit sind nur drei Möglichkeiten Vertrauen zu verlieren. Abhanden gekommene Beachtung können wir wieder erlangen, verlorenes Vertrauen nur schwer. Schlechte Erfahrungen mit Menschen vergessen Pferde kaum. [...] Unsere eigenen Fehler in Grenzen zu halten sollte unser Streben sein.

a.a.O., Seite 43

Schön gesagt. Aber kann man wirklich etwas damit anfangen? Wer aufrichtig ist, wird wohl kaum unaufrichtig sein wollen und möglicherweise auch nicht sein können, wer unaufrichtig ist – kann der aufrichtig sein? Dasselbe betrifft die Ungerechtigkeit und die Überheblichkeit. Mir scheint, daß der Überhebliche sich selbst nicht als überheblich empfindet – wie kann der seine Überheblichkeit abstellen? Der Ungerechte empfindet sich selbst als höchst gerecht, wofür der Begriff der Selbstgerechtigkeit steht. Und was die eigenen Fehler betrifft: Sobald ich sie erkannt habe, mag ich wohl bemüht sein, sie abzustellen, aber nur allzu oft werde ich feststellen müssen, daß ich dazu nicht in der Lage bin. Von meinen Fehlern, die ich gar nicht kenne, wollen wir nicht noch nicht einmal reden.

Genug der philosophischen Überlegungen – wir wissen, was der Autor meint. Seine praktischen Ratschläge lassen sich allemal umsetzen – zum Beispiel die Übungen zur Desensibilisierung. Das ist natürlich nicht neu, und der Autor behauptet auch nicht, daß er das Rad neu erfunden habe – schon in seinem ersten Buch hat er Wert darauf gelegt, sich bei seinen Lehrern zu bedanken. Die hier vorgeführten Fotosequenzen erläutern alleine schon sehr gut das Prinzip und die Wirkungsweise; die begleitenden Texte tun ihr übriges, um den Weg zur Nachahmung zu ebnen:

Der Schlüssel zum Erfolg ist Monotonie. [...] Die Desensibilisierungsübung, die jedes Reitpferde durchmachen muß, ist das Auflegen von Satteldecke und Sattel. Das System bleibt das gleiche. Die Satteldecke wird dem Pferd gezeigt und anschließend wird es damit berührt. Erlaubt es die Berührung, können wir die Decke auf den Rücken legen. Bevor das Pferd versucht auszuweichen, sollten wir sie wieder abnehmen und den Vorgang solange wiederholen, bis dem Pferd langweilig wird. So wird aus der gefährlichen Decke ein alltäglicher Gegenstand.

Lärm ist eine Reizquelle, die wir ebenfalls trainieren können. Meist denken wir nicht daran, ihn als gefährliche Situation anzuerkennen. Um bösen Überraschungen bei Vorführungen vorzubeugen, applaudieren beim Voltigiertraining auf unserem Hof die Kinder gezielt und unter Anleitung laut, um das Pferd daran zu gewöhnen. Leichte Übung, hebt die Stimmung und nützt!

Pferde lieben Ruhe und sie sei ihnen gegönnt. Gelegentlich schadet es aber nicht, laute Musik beim Reiten zu spielen, um sie dagegen abzuhärten. Sakrale Ruhe, die Zuschauern in einer Reithalle schon das Flüstern verbietet, schadet langfristig mehr, als sie kurzfristig nützt. Pferde reagieren schnell und heftig auf Veränderungen. Wenn es immer still ist, erschrecken Pferde bei lauten Geräuschen. Darum dürfen sich Reiter, die auf Totenstille beim Training bestehen, nicht wundern, wenn das kleinste Geraschel ausreicht, ihr Pferd aus der Fassung zu bringen.

a.a.O., Seite 46

Die Desensibilisierung ist unter anderem auch deshalb wichtig und nötig, weil auch andere Personen mit dem Pferd umgehen müssen und diese nicht gefährdet werden dürfen – Hufpfleger, Tierarzt, Reitschüler etwa. Also werden auch dafür Übungen entwickelt und vorgeführt, und zwar an Pferden, die es nötig haben.

Das Prinzip ist immer dasselbe: Man beginnt mit dem Leichten und steigert sich allmählich bis zum Schweren. Ob es nun furchterregende Gegenstände wie Müllcontainer oder unüberwindbare Landschaftshindernisse wie Bäche oder Flüsse sind, alle sind sie nur willkommene Herausforderungen, die zur Bewältigung aufrufen. Wie hatte ich schon aus dem ersten Buch zitiert?

Ein Problem ist eine Herausforderung an unseren Geist und daher etwas Positives. Eine bewältigte Herausforderung macht uns um eine Erfahrung reicher.

a.a.O.

Auch die Zirkuslektionen und das Verladetraining gehören in diese Abteilung, denn sie bauen Vertrauen auf und setzen Vertrauen voraus. Geduld und Zeit erzeugen unvermeidlich jene Langeweile, die die Angst vertreibt und das Schreckliche und Unüberwindliche zur leichten Übung macht.

Aktion  oben 



Stufe vier: Aktion
Halsbiegung erst, wenn das Maul gelockert ist
Schulterherein am langen Zügel im Trab
Kruppeherein unter dem Sattel
Pesade als Vorstufe zur Levade
Endlich ist Alexander Kronsteiner dort angelangt, wo er die Krönung der Beziehung zwischen Pferd und Mensch feiern kann: bei der klassischen Reitkunst, und er stellt die entscheidende Frage, die nach der Qualität:

Wie lernt ein Pferd einen Menschen nicht nur zu transportieren, sondern zu tragen – und wenn, dann wie? Ich glaube die hohen Ziele sind Leichtigkeit, Ästhetik und letztendlich die Qualität der Bewegung eines Pferdes. Doch was bedeutet Leichtigkeit und wann ist die Bewegung eines Pferdes ästhetisch, gut und somit auch "schön"? Was unterscheidet diese Eigenschaften vom Blendwerk anscheinend spektakulär gehender Pferde?

a.a.O., Seite 59

Der Autor läßt sich natürlich auf keine Aussage festlegen, sondern empfiehlt, sich selbst eine Meinung zu bilden. Er jedenfalls hält es mit den klassischen Meistern und versucht, ihnen nachzueifern.

Zur Wiederholung und Vervollständigung ist zu resümieren, daß Seitengänge ein Pferd ungleich mehr bewegen, als das bei geradem Gehen der Fall wäre. Koordinationsvermögen und die gesamte Beweglichkeit werden trainiert. Die Wirbelsäule wird beweglicher, die Muskulatur wird ganzheitlicher beansprucht. Eine bewegliche Wirbelsäule macht ein taktreines, harmonisches und raumgreifendes Vortreten der Gliedmaßen besser möglich. Ohne Biegung also kein Reiten! Durch das weite Untertreten eines Hinterbeines hebt sich außerdem der Rücken. Das Pferd beginnt in Reiter zu tragen.

Ein anderer, wirklich bedeutender Grund für seitliches Biegen ist die natürliche Schiefe eines Pferdes. Nahezu alle Pferde sind von Natur aus asymmetrisch entwickelt. Das heißt, in der Bewegung biegt sich die Wirbelsäule nach einer Seite mehr als nach der anderen Seite. Einem wildlebenden hier macht das nichts aus. Wenn wir uns aber draufsetzen, versuchen Pferde die zusätzliche Last zu kompensieren und belasten die ohnehin stärkere Seite mehr als die schwächere. Das steigert die Schiefe zusätzlich und ist angesichts des Mehrgewichtes durch den Reiter ungesund. Ein "schiefes Pferd" ist außerdem sehr unbequem zu reiten. Durch die Seitengänge ist es möglich, beide Seiten gleichmäßig zu trainieren, was bei richtiger Dosierung die Symmetrie beim Pferd wieder herstellt. Man spricht vom Geraderichten.

a.a.O., Seite 69

Zum Schluß hat sich der Kreis geschlossen, der Autor ist wieder bei der Wahrnehmung angelangt, weil er sich immer wieder fragen muß, wo er und sein Pferd steht:

  • Wie verhält sich das Pferd bei der Arbeit?
  • Fühlt es sich noch wohl?
  • Kann es noch mehr leisten?
  • Was kann der wahre Hintergrund einer Verweigerung oder von Unwille sein?

Mit Horse Sense an Herausforderungen heranzugehen bedeutet Reaktionen zu erkennen, sie richtig zu deuten, daraus zu lernen und das eigene Verhalten bei Bedarf zu ändern um eventuell bessere Resultate zu erzielen. [...]

Es sei noch einmal ganz besonders die Bedeutung unseres Einführungsvermögens hervorgehoben. Versuchen wir zu verstehen, mitzufühlen und auch zu akzeptieren. Was wir so nicht fassen können füllen wir ganz einfach mit Liebe. Zugegeben ist das eine sehr ideale Formel, aber wir haben wir ein Leben lang Zeit daran zu arbeiten. Es mangelt nicht an Gelegenheiten.

Je besser wir von Tag zu Tag die Wahrnehmung unserer Pferde erahnen, je mehr wir im Stande sind, Pferdeverstand dafür aufzubringen, je mehr Spürsinn wir aus alledem für die Pferde entwickeln, um so harmonischer wird sich das Zusammensein mit ihnen gestalten.

a.a.O., Seite 70, 71

Verweigerung, Unwille? Kann man sich das bei diesem Autor überhaupt vorstellen? Das müssen doch die Pferde der anderen Leute sein, die nicht mehr weiter wissen und diesen Experten zu Hilfe rufen, oder?

Aber zweifellos ist Alexander Kronsteiner genau wie Sie oder ich als unwissendes Kind auf diese Welt gekommen und hat sich seine Erkenntnisse, Erfahrungen und Lebensphilosophie hart erarbeitet. Wie viele Umwege er dabei gegangen ist, wie viele Fehler er dabei gemacht hat, muß er uns nicht auf die Nase binden. Das würde uns zweifellos nicht weiterhelfen.

Nachdem er uns sein gedankliches System und einen Teil seiner Übungen nahegebracht hat, gibt er dem Leser mit auf den Weg, daß er kein System erfinden wollte, daß er nicht glaubt, daß es ein System geben kann. Das Wichtigste ist für ihn die Freude von Pferd und Mensch, die Entwicklung von beiden gleichermaßen, und nur das läßt er als Maßstab gelten. So gibt er dem Leser mit auf den Weg, sich aus seinen Hilfen ein eigenes Gerüst zu entwickeln, anhand dessen er sich und sein Pferd weiterbringen kann, auf das beide mehr Freude miteinander und am Leben haben.

Mir bleibt nun nur noch Ihnen zu empfehlen, das Buch zu lesen und zu studieren: » Mit Verstand zum Gefühl. Finanzielle Erwägungen können in diesem Fall keine Rolle spielen, tun das wahrscheinlich ohnehin nur äußerst selten. Lesen und studieren heißt ja, Zeit und Energie und Leidenschaft zu investieren, und daran mag es ebenso sehr mangeln wie an anderen knappen Ressourcen. Alexander Kronsteiner jedenfalls hat alles gelesen, was er erreichen konnte – anders ist ein solches Buch auch nicht denkbar.

Sollten Sie meinem Rat folgen können, geben Sie bitte bei Gelegenheit dem Autor ein kleines Feedback, damit sich auch in dieser Hinsicht ein Regelkreis schließen kann.

Inhaltsverzeichnis Magazin oben 

Magazin  Magazin: Das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 468 vom 20.05.2012
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