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22. August Liebe Nora, Deine KORALLE wird inzwischen schon sicherer an der Longe die Kreislinie des Zirkels einhalten, so dass Du allmählich immer mehr den Fixpunkt in der Mitte des Zirkels einnehmen kannst. Um diesen auch zu behalten, musst Du Dich, wenn Du Dein Pferd auf der linken Hand longierst, auf deinem linken Absatz mitdrehen, entsprechend umgekehrt. Die Oberlinie von KORALLE soll mehr und mehr der leichten Biegung des Zirkels entsprechen und sie soll mit ihren vier Beinen wie auf Schienen gehen, das heißt, dass die Hinterbeine der Spur der Vorderbeine folgen sollen und nicht etwa seitlich dieser Spur auffußen. Wenn das Pferd auf gerader Linie korrekt spurt, dann geht es ‚gerade gerichtet'. Wenn das Pferd auf gebogener Linie korrekt spurt, dann sagt man auch: es geht ‚gebogen-gerade'. Allerdings ist das Gerade-Gehen des Pferdes eine Angelegenheit, die man erst später vom Sattel aus beeinflussen kann. Aber da das Schiefgehen von Anfang an eine so negative Rolle spielt, wenn das Pferd das Gewicht des Reiters in seine Bewegung mit einbeziehen muss, möchte ich Dir diesen Begriff doch jetzt schon nahe bringen. DIE SCHIEFE Sie spielt eine negative Rolle, wenn das Pferd sich unter dem Gewicht des Reiters bewegt und ist mitbestimmend für die Gesundheit seines Rückens und seiner Beine. Eine stärkere oder schwächere Veranlagung zur Schiefe kann man bei fast jedem Pferd, jedem Hund, bei vielen anderen Tieren und ebenso bei Mensch beobachten. Wodurch diese Schiefe zur Veranlagung des Pferdes gehört, darüber sind Fachleute verschiedenster Ansicht. Da wird in erster Linie die Lage des Fohlens im Mutterleib genannt, aber auch, dass seine Schultern schmaler sind als seine Hüften und das Pferd deshalb in der Reitbahn schief zur Bande ginge, weil es sich dort sozusagen ‚anlehnen' will. Ich kann mit dieser Meinung nichts anfangen, weil das Pferd ja ohne Bande einer Reitbahn, ohne Begrenzung rechts oder links, die gleiche einseitige Schiefe zeigt. Sie ist etwa ähnlich zu beurteilen wie die Links- oder Rechtshändigkeit beim Menschen. Es gibt auch die Vermutung, die mir am ehesten einleuchtet, dass die Schiefe aus einer gewissen Asymmetrie des langen Pferdekörpers kommt und/oder auch aus der Ungleichheit der beiden Gehirnhälften, eine eindeutige Erklärung kann ich Dir aber nicht anbieten. Wenn Du einen Menschen fotografierst und sein Bild genau in der Mitte teilst, dann sieht er ganz anders aus wenn Du die zwei linken Hälften zusammenfügst, als wenn Du die zwei rechten Hälften zusammenfügst. Bei den meisten Menschen ist auch ein Bein etwas kürzer als das andere (ein Ärgernis, wenn man Hosen kauft!) und Du kannst bei Hunden beobachten, wie schief sie vor Dir hertraben, wie sie ‚schrägeln'. Das kann von rechts hinten nach links vorne sein oder auch umgekehrt. Mit dieser Veranlagung zur Schiefe wird das Pferd, werden andere Tiere und werden wir Menschen schon geboren und die Veranlagung dazu bleibt ein Leben lang bestehen. Das bedeutet, dass man nicht nur bei der Grundausbildung des Pferdes darauf achten muss, sondern dass man auf Dauer immer wieder gezwungen ist, eine gewisse Schiefe zu korrigieren. Warum soll man sie korrigieren? Das ist ganz einfach zu verstehen: wenn sich ein Pferd unter der zusätzlichen Last des Reiters bewegen muss und dabei schief geht, dann belastet es seine körperlichen Gegebenheiten ebenso einseitig und dadurch leidet die Gesundheit, vor allem die seines Rückens und seiner Beine. Außerdem können gewisse Ausbildungsziele, zum Beispiel Durchlässigkeit und Versammlung nicht erreicht werden, wenn das Pferd schief geht. Stelle Dir als Beispiel einen Strohhalm vor, den Du der Länge nach in gerader Linie über den Tisch schieben willst; wenn der einen kleinen Knick hat, also auf einer Seite etwas zusammen geschoben ist, dann wird er sich seitwärts wegdrehen, wenn Du ihn geradeaus schieben willst, denn er ist dann nicht mehr in gerade Linie nach vorne ‚durchlässig', die Kraft, die ihn von hinten vorschiebt, ist nur noch teilweise auf der äußeren Seite wirksam, auf der inneren Seite bleibt sie am Knick hängen. Außer der angeborenen Schiefe gibt es aber auch eine ‚angerittene Schiefe'. Sie kann sich entwickeln, wenn der Reiter durch falschen Einfluss seines Gewichts oder zu häufiger Stellung und Biegung seines Pferdes nach der gleichen Seite oder zu häufiges Gehen auf der ‚bequemeren Hand' dieses schiefe Gehen herausfordert. Du kannst Dein Pferd in seinem jetzigen Rohzustand noch nicht gerade richten, aber Du kannst auf der Koppel seine Schiefe beobachten, vor allem im Trab und Galopp, wenn entweder das rechte Hinterbein (nach links schief) oder das linke Hinterbein (nach rechts schief) außerhalb der Spur des gleichseitigen Vorderbeines auffußt. Das Geraderichten erfolgt ab einer späteren Ausbildungsphase, wenn das Pferd unter dem Reiter über den Zügel die sichere Anlehnung an dessen Hand gefunden hat und sowohl die vorwärts als auch die seitwärts treibenden Hilfen sicher annimmt. Soviel zur Schiefe, beobachte daraufhin Deine Koralle und verteile Deine beginnende Arbeit im Sattel korrekt gleichmäßig auf die rechte und die linke Hand und vor allem: sitze immer in der Balance, rutsche also nicht nach der einen oder anderen Seite, sondern bleibe immer ‚mittig' im Sattel sitzen. Auf gerader Linie, also im Geradeaus, müssen Deine beiden Füße auf jeder Seite mit dem gleichen Gewicht im Bügel hängen. Das musst Du von Anfang an von Dir selbst verlangen, und Dich daraufhin selbst unter Kontrolle haben, wenn Du vom Pferd verlangst, dass es gerade gerichtet geht. Jeder Reiter hat auch seine ‚Lieblingshand' er muss auch aufpassen, dass er sie nicht bevorzugt reitet. Selbstverständlich muss die Bügellänge auch auf beiden Seiten gleich sein. Das übliche Löcher abzählen gewährleistet das meist nicht, schon deshalb, weil nicht immer ein zusammengehörendes Riemenpaar am Sattel ist. Ich habe beim Verschnallen der Bügellänge vor dem Aufsitzen immer den unteren Steg des Bügels nach oben gekippt und dann dessen Abstand zum unteren Rand des Sattelblatts mit Fingerstärken gemessen oder auch mit kritischem Auge. Diese Art ist wohl die sicherste, um beide Bügel gleich lang zu haben. Allerdings längt sich der Bügel, in dem Du beim Aufsteigen stehst und der dabei das meiste Gewicht tragen muss, mit der Zeit. Ein gelegentliches Austauschen der beiden Bügelriemen – der linke nach rechts und der rechte nach links am Sattel – ist daher von Vorteil. Das Gehen auf geraden und gebogenen Linien an der Hand, im Schritt wie im Trab und das Bewegen auf dem Zirkel an der Longe wird schon recht sicher sein, wenn Du genug Nerv hattest, es systematisch, freundlich und ruhig, aber unerbittlich konsequent während der letzten sechs Wochen täglich zu üben. Dabei ist es wichtig, dass dieses Üben nicht in Monotonie ausartet, sondern das Programm sollte täglich etwas verändert, der Schwerpunkt immer wieder neu gesetzt werden. |
Dabei soll dieser Zügel eine stetige, aber weiche Verbindung zum Pferdemaul herstellen und behalten. Er hat die gleichen Aufgaben wie der äußere Zügel vom Sattel aus: Er dient als Gegenhalt zu den Einwirkungen des inneren Zügels und Schenkels, er soll also das Pferd gerade halten und immer nur in dem Maß nachgeben oder auch angenommen werden, das der gewünschten Stellung beziehungsweise Stellung und Biegung nach innen oder außen entspricht, genau so, wie auch später beim Reiten. Die sicherste Einwirkung der Hand auf der inneren Seite erhält man, wenn man den Zeigefinger in den Trensenring einhakt. Das verhindert den seitlichen Zug durch den Zügel und damit das vertikale Kippen des Trensenrings, der dadurch mit seinem oberen Rand schmerzhaft auf die Region Maulspalte/Kiefer einwirken könnte. Außerdem kann man mit dem Finger im Trensenring durch einen leichten Druck nach unten auch eine gewisse Nachgiebigkeit von Kopf (Genick) und Hals des Pferdes mit Tendenz zur Tiefe erreichen sowie durch den ausgestreckten Arm das Pferd auf Distanz halten. Die Gerte hältst Du in der Hand, die den äußeren Zügel hält und zwar so, dass der Daumen dieser Hand so in Richtung Hinterhand deines Pferdes zeigt, dass die Gerte etwa in Richtung Kniegelenk gerichtet ist (dieses befindet sich deutlich sichtbar etwa in gleicher Höhe wie das Schultergelenk). Man lässt die Gerte entlang der Fingerwurzeln durch die ganze, aber lockere Faust laufen und lehnt sie leicht an der Bauchwand vom Pferd an. An diese Technik, das Pferd an der Hand zu führen, muss man sich erst gewöhnen. Besonders die Art, die Gerte in der Hand zu halten, die auch den äußeren Zügel führt, ist nicht einfach, weil man ja nicht durch unregulierte, störende Bewegung mit dieser Hand das Pferd im Maul stören darf. Man soll mit ihr nur kurz und verstärkt gegen die Hinterhand oder die Bauchwand drücken und das, wenn keine genügende Reaktion erfolgt, wiederholen, so wie man das auch mit dem treibenden Schenkel tun würde, der weder mit Bolzen noch mit Dauerdruck einwirken soll. Anfangs, so erinnere ich mich, ist es eine rechte Wurschtelei, bis man mit allen Instrumenten – Zügeln, Händen und Gerte – die Melodie der harmonischen Vorwärtsbewegung mit dem Pferd auch zu Fuß beherrscht. Aber nicht locker lassen und konzentriert bleiben, es wird schon. Und: einmal richtig gelernt, hast Du für die Zukunft für jedes Pferd und für jegliche Ausbildungsstufe immer ein hervorragendes Instrument, um auch ohne störendes Gewicht mit Deinem Pferd konzentriert zu arbeiten, sollte die Arbeit unter Belastung einmal nicht möglich sein. Alle Lernvorgänge, die ich Dir beschreibe, sind eigentlich nur für das Pferd gedacht, der Reiter/Ausbilder sollte sie schon beherrschen. Er selbst sollte sie wiederum durch die Hilfe eines ausgebildeten Pferdes gelernt haben. So sollte eigentlich die Reihenfolge sein. Aber was, wenn keiner der beiden, weder Pferd noch Reiter, eine Ahnung haben? Es wäre jetzt einfach zu sagen, dass es das eben nicht geben darf. Aber es gibt nun mal außer Dir und Koralle noch viele, viel zu viele Reiter/Pferd-Paare, die genau in dieser Situation sind, zwar alles richtig machen wollen aber kaum wissen, wie. Ich versuche, mich in diese Situation so weit wie möglich hinein zu versetzen und Dir entsprechend zu helfen, aber: Geduld behalten, lernen, denken, üben musst Du selbst. Ein weitere Vorteil bei dieser Art, das Pferd an der Hand zu führen ist der, dass Du jederzeit wechseln kannst von der Arbeit im Sattel zur Arbeit an der Hand und umgekehrt, weil Du an der Ausrüstung Deines Pferdes nichts verändern musst, keine Longe und keine Hilfszügel brauchst und nichts verschnallen musst. Es gibt noch einige weitere Arten der Zügelführung bei der Arbeit an der Hand, die aber für Dich und Dein junges Pferd jetzt noch nicht wichtig sind. |
ÜBERTRETEN DER ÄUSSEREN BEINPAARE ÜBER DIE INNEREN als Vorbereitung auf die später folgenden Seitengänge unter dem Reiter. Die Gerte übernimmt dabei die Aufgabe des seitwärts wirkenden inneren Schenkels in Zusammenarbeit mit der inneren Hand, deren Zeigefinger durch den das Pferd nach innen oder außen stellenden leichten Zug beziehungsweise Druck einwirkt. Der vor dem Widerrist über den Pferdehals laufende äußere Zügel begrenzt die Stellung Deines Pferdes nach innen oder richtet es wieder geradeaus, wobei der Zug/Druck auf den inneren Trensenring entsprechend nachlässt. Übe das Stellen und Nachgeben zunächst beim stehenden Pferd und nimm sanfte Verbindung mit dem Pferdemaul auf. Dein Pferd soll beginnen, leicht zu kauen und sich dann, nachgiebig im Genick, sanft nach innen oder außen stellen lassen mit der Tendenz zur Tiefe. Wenn Du das richtige Gefühl dafür bekommen hast und wenn Dein Pferd locker bleibt im Genick und im Maul, dann kannst Du das leichte, mal nach innen, mal nach außen Stellen auch im ruhigen Schritt auf dem Hufschlag entlang der Wand/Bande/äußeren Begrenzung üben, im gelegentlichen Wechsel mit Halten und wieder Antreten. Vermeide dabei den Körperkontakt, das Pferd soll sich nicht an Dir eine Stütze suchen, halte es mit dem Arm und mit dem äußeren Zügel auf Distanz, damit es Deine Führungsrolle respektiert. Sobald der äußere Zügel hängt, statt leichte Verbindung zum Pferdemaul zu halten, ist die ‚Telefonleitung' unterbrochen und Dein Pferd ist nicht mehr an den Hilfen. Übrigens Hilfen: gerade jetzt ist es noch besonders wichtig, dass Dein Pferd durch die gewohnten Stimmhilfen ‚Haaalt' – ‚Steh!', falls es gegen Deinen Willen vorschnell wieder antreten will, und ‚Komm', wenn es wieder antreten soll, in seinem Lernen unterstützt wird. Deine Körperhaltung, Dein Blick geht mehr in Gangrichtung, als Einfluss nehmendes Zeichen zum Vorwärts und Geradeaus. Bei der Konzentration Deines Blicks auf die Hinterhand würde Deine Körpersprache nicht mehr das ‚Vorwärts' anzeigen und es kann dann sein, dass das Pferd nicht mehr geradeaus weitergeht, sondern sich vor Dich dreht. Lediglich beim Halten wandert Dein Blick auch zur Hinterhand um ein eventuelles Herausstellen eines Hinterbeines mit der langen Touchiergerte in der bereits bekannten Weise zu korrigieren, aber ohne dass Du Dich dabei jetzt noch nach unten beugst, wie das bisher mit der normalen Reitgerte mit der kürzeren Reichweite nötig gewesen ist. Sobald das geradeaus Gehen Euch beiden selbstverständlich geworden ist, beginnst Du nun, Deine KORALLE mit dem Kreuzen ihrer beiden seitlichen Beinpaare vertraut zu machen. Nimm sie dazu mit der Vorhand einen kleinen Schritt, etwa 45 Grad, zum Inneren der Bahn hin, der äußere Zügel gibt dazu etwas nach, die Hinterhand bleibt auf dem Hufschlag. Durch leichten Druck mit der schräg nach hinten/unten gerichteten Gerte an der Bauchwand, etwa da, wo auch der Reiterschenkel etwas hinter dem Gurt seitlich einwirken würde oder bei Bedarf deutlicher auch noch etwas weiter hinten, bringst Du nun das Pferd dazu, in ganz leichter Innenstellung vorwärts-seitwärts zu gehen, wodurch bei dieser Abstellung nach dem Inneren der Bahn hin das Kreuzen des inneren Beinpaares über das äußere Beinpaar nach Art des Schenkelweichens möglich wird. Dein Pferd soll dabei zunächst wie beim Schenkelweichen in sich gerade bleiben, sich also nicht auf der Dir zugewandten Seite hohl machen. Drängt das Pferd mit den Schultern wieder zum Geradeaus auf den Hufschlag zurück, dann kannst Du mit der Gerte etwas deutlicher werden und sie etwa oberhalb des Sprunggelenks wirken lassen, um die Hinterhand wieder seitwärts zu bewegen, und gleichzeitig etwas mehr Einfluss nehmen am inneren Trensenring, aber ohne Hals und Kopf des Pferdes zur Seite zu ziehen. Nach wenigen folgsamen und ruhigen Tritten seitwärts mit den kreuzenden Beinpaaren richte Dein Pferd wieder geradeaus und lobe es ausgiebig. Entlasse Dein Pferd danach kurz aus jeder Forderung, so dass es sich zur Belohnung strecken und entspannen kann. Versuche dann noch ein- oder zweimal auf der gleichen Hand den beschriebenen Vorgang, um ihn im Gedächtnis von KORALLE besser zu verankern und dann mach Schluss mit der heutigen Arbeit, um das Gelernte nicht wieder mit anderen Forderungen zu überdecken. Ein kleiner Bummel an der Longe in der Nähe vom Reitplatz oder vom Stall kann aber Eurer völligen Entspannung gut tun. |
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In den folgenden Tagen übst Du nach dem Longieren den Vorgang in kurzen Reprisen auf beiden Händen, wobei vor allem auch Du die Lernende sein wirst, wenn es um Deine Geschicklichkeit geht, das Pferd auch an seiner rechten Seite eben so sicher zu führen und übertreten zu lassen. Am besten geschieht das in ruhigen, gleichmäßigen Tritten. Ein schwäbischer Reiter würde sagen: ‚no net hudle!' Etwas Grundlegendes fällt mir grade ein: Ich hatte ein Rezept, das mir geholfen hat, mein Gefühl für Ursache und Wirkung in den Wechselbeziehungen der Bewegung und der Einflüsse zwischen mir und meinem Pferd zu festigen: Ich habe durch mein ganzes Reiterleben häufig auch ohne Pferd, wo ich ging und stand, alle gerade relevanten Vorgänge neben oder auf dem Pferd intensiv vor meinem inneren Auge ablaufen lassen und mir meine Impulse und ihre Wirkung auf das Pferd ins geistige Gefühl geholt. Ich versetzte mich ins Gefühl des Reiters gegenüber den verschiedenen Reaktionen des Pferdes und dann auch wieder ins Gefühl des Pferdes gegenüber den Hilfen des Reiters; ich w a r Pferd und fühlte die Empfindlichkeit seines Mauls, spürte die Kontraktion der Bauchmuskeln gegenüber dem starken Einsatz des Sporns oder das steif Werden des Genicks und der Hinterbeine gegenüber der blockierenden Hand. Dieses ‚gedankliche' Üben hat mir viel geholfen; und wahrscheinlich auch meinen Pferden, die ich ritt. Bin ich in einem klassischen Konzert oder höre in Ruhe klassische oder auch sehr rhythmische Musik, reite ich auch heute noch intuitiv mit, ich kann gar nicht anders. Aber ich glaube, das hat mich sehr sensibel gemacht für die gemeinsame Bewegung, die ja weitgehend ein rhythmisches Miteinander ist. Es nützt nichts, die Theorie guten Reitens auswendig hersagen zu können, ohne die Theorie auch durchdacht und inwendig installiert zu haben. Man muss immer das Bild der jeweiligen Lektion, der jeweiligen Bewegung klar vor seinem inneren Auge haben, um es in die Praxis umsetzen zu können. Ich erwähne das um zu sagen, dass es nicht genügt, nur vom Sattel aus sein Pferd zu ‚bearbeiten', sondern es ist das geistige und körperliche Reiten zugleich, das ‚Reiten zur Gänze', dass zum Erfolg von Reiter und Pferd führt. Das gilt für jede Ausbildungsstufe. Ein guter Reiter ist nicht nur, wer in der obersten Klasse auf Turnieren die Preise einheimst, sondern ebenso ein Reiter, der entsprechend der Veranlagung seines Pferdes auch in den unteren Klassen der dort möglichen Perfektion nahe kommt, auch dann, wenn er kein Publikum hat. Die Freude, der Genuss beim Reiten ist weit mehr, als sich innerhalb von vier oder wenig mehr Minuten mit Noten von eins bis zehn einreihen zu lassen in eine Gruppe von Reitern. Der Genuss harmonischer, gemeinsamer Bewegung sollte das Ziel jeden Reiters sein, der Auftritt vor Publikum und Richtern ist nur ein wenig Salz an der Suppe. Noch einige abschließende Wort zum ‚Übertreten lassen': dass es als Vorbereitung für das Schenkelweichen und die Seitengänge unter dem Reiter nützlich ist, erwähnte ich schon. Es dient aber auch ganz allgemein als lösende Vorbereitung auf die Arbeit Deines Pferdes unter Deinem Gewicht. Durch das wechselseitige Dehnen und Nachgeben der Bauchmuskulatur beim Übertreten wird nicht nur eine gymnastische und kräftigende Wirkung erzielt und werden nicht nur Verspannungen gelöst, sondern das Übertreten verbessert auch die seitliche Durchlässigkeit. Ebenso verbessert sich die Beweglichkeit und Kraft der Rückenmuskeln, der tragenden Brücke. In der Praxis bedeutet es, dass Dein Pferd durch die Arbeit an der Hand, insbesondere durch das Übertreten lassen, vor Deinem Aufsitzen bereits weitgehend von Spannungen befreit ist und sich losgelassen bewegt. Wenn Spannungen beseitigt sind, ist das auch für Deine Sicherheit ein Vorteil, denn Eskapaden von Pferden unter dem Sattel resultieren fast immer aus noch bestehenden Verspannungen. Das war's für heute, tschüß, Küsschen für Koralle. P. S. Was ich noch berichten möchte: grade komme ich mit SAMBA (Collie-Dalmi-Mix, 12 Jahre, beißt für ihr Leben gern andere Hunde, liebt Menschen, vor allem Männer, bis zur Ekstase), komme ich also mit diesem Extremhund nach Hause von einem Spaziergang. Unterwegs begegneten mir zwei Mädchen, ein Fahrrad und ein Pferd. Das eine Mädchen saß auf dem Pferd, das andere auf dem Fahrrad. Das Pferd war ein kräftiger Brauner. Er war ganz tief und stark ausgebunden, sodass er nicht mehr in der Lage war, den Weg vor sich und die Gegend um sich in Einzelheiten wahrzunehmen, sondern der arme Kerl musste sich blind auf seine Reiterin verlassen. Der kilometerlange und etwa drei Meter breite grüne Randstreifen, auf dem die Maid mir stolz entgegentrabte, war buckelig und, mit Wasser-Ablaufrinnen vom Feld her durchsetzt, ein prächtiger Stolperstreifen, auf dem außerdem die schweren Traktoren durch das Wenden bei der jahreszeitlich verschiedenen Feldarbeit Vertiefungen und große Erdbrocken hinterlassen hatten. Durchdenke mal die Situation, in der das Pferd tatsächlich stolpert, fällt und mit seinen Ausbindern förmlich gefesselt nicht mehr hochkommt, es sei denn, die Ausbinder reißen, sein Maul dabei wahrscheinlich auch. Reißen sie nicht, hat das eng ausgebundene (gefesselte!) Pferd keine Chance, sich hochrappeln zu können, falls sich Pferd und Reiterin nicht vorher schon das Genick gebrochen haben. Beobachte mal, wenn ein Pferd aus dem Liegen wieder aufsteht: erst stemmt es sich auf seinen Vorderbeinen hoch und dann erst auf den Hinterbeinen und das zunächst in einer Art Schräglage durch das zuvor seitliche Liegen, also seitlich gebogen. Denn ein Pferd kann nicht auf seinem Bauch liegen, sondern immer nur auf einer Seite. Mit eng geschnallten Ausbindern ist ihm ein wieder Hochkommen unmöglich. Also: im Gelände, sei es geführt oder unter dem Reiter, keinerlei Hilfszüge am Pferd bitte!! Das Pferd braucht seinen Hals unter anderem als Balancierstange, ihm diese im Gelände wegzunehmen durch Ausbindezügel, die noch dazu zu tief und zu eng geschnallt sind, möchte ich als reiterliche Unreife bezeichnen, bei der sich ein Reiten im Gelände absolut verbietet! Die Mädchen kamen mir später auf ihrem Rückweg noch mal entgegen. Ich sprach sie freundlich an und versuchte dem Mädchen auf dem Pferd klar zu machen, in welche Gefahr sie sich und ihr Pferd durch die Hilfszügel bringt. Antwort: ‚Wenn das nicht Ihr Pferd ist, geht Sie das gar nichts an.' Ich hatte diese oder eine ähnliche Antwort aus Erfahrung ohnehin erwartet, aber vielleicht denkt das Mädchen in einer ruhigen Stunde doch mal über das Thema nach, hoffe ich. Dann wäre meine Ansprache nicht umsonst gewesen. Also noch mal tschüß, mach es besser! |
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