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Hauptartikel   Magazin Magazin, Ausgabe 387, erschienen am 28.08.2006

Magazin  Ausgabe 387

Karli, WM-Maskottchen
World Equestrina Games Aachen 2006

Foto: Autorenhinweise m_red  » ALRV/Rüland
Abschnitt Abschnitte Hauptartikel:
  1. Abschnitt  Siegestaumel
  2. Abschnitt  Goldmedaillen
  3. Abschnitt  Isabell Werth
  4. Abschnitt  Rollkur
  5. Abschnitt  Profit
  6. Abschnitt  Quellen / Verweise
  Inhaltsverzeichnis  Inhaltsverzeichnis
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Hauptartikel oben 

 
Siegestaumel

Von Erfolgsmenschen, Trainingsmethoden und Kontroversen

Zu den Themen
Thema  Dressursport  Trainingsmethoden  Weltmeisterschaften



von Autorenhinweise m_red  » Werner Popken


Die Weltmeisterschaften in Deutschland 2006! Erinnern Sie sich noch?

Vor allem durch das ebenso begeisterungsfähige wie gastfreundliche Publikum konnte sich Deutschland als ein würdiger Gastgeber des Turniers darstellen. Durch die vielen Fan-Feste und Public-Viewing-Bereiche entstand in Deutschland das Gefühl eines vierwöchigen Volksfestes, an dem ein Großteil der Bevölkerung aktiv teilnahm.
Wikipedia-Link» Fazit

Tja, der Fußball! Nach der Fußball-Weltmeisterschaft im Frühsommer nun die Pferde-Disziplinen im Frühherbst. Zwei Weltereignisse, aber welche Unterschiede!

Hatte während der Fußball-WM die gesamte Nation mitgefiebert, hält sich die Begeisterung für die Geschehnisse in Aachen vergleichsweise in Grenzen:

FußballPferdesport
14.000 Medienvertreter1.300 Journalisten
Zuschauer 3.359.439maximal 500.000
In Bau und Erweiterung der Stadien investierten der Staat und die Betreiber rund 1, 38 Milliarden Euro.investives Budget 15, 6 Millionen Euro
Das Halbfinalspiel Deutschlands gegen Italien erreichte die höchste je in Deutschland gemessene Zuschauerreichweite [...]. 29, 66 Millionen Zuschauer sahen das Spiel, in der Spitze sogar 31, 31 Millionen [...]. Der Marktanteil der Fernsehübertragung stieg auf bis zu 91, 2 %.Die Eröffnungsfeier wurde von 37.500 Zuschauern im Stadion des Aachen-Laurensberger Rennvereins und weiteren 1, 8 Millionen Zuschauern in der Übertragung des ZDF verfolgt, das damit einen Marktanteil von 12, 4 Prozent erzielte.
Alleine in Deutschland wird die Sportart von über 6 Millionen Spielern in 27.000 Fußballvereinen ausgeübt.[...] 7.429 Reit- und Fahrvereine in Deutschland an, die über 764.542 Mitglieder verfügten.
Wikipedia-Link» Fußball, Wikipedia-Link» Fußball-Weltmeisterschaft 2006Wikipedia-Link» Weltreiterspiele, » Newsletter , Wikipedia-Link» FN

Diese Gegenüberstellung ist vielleicht im einzelnen nicht ganz fair, aber exakt passende Zahlen standen mir nicht zur Verfügung, etwa die Zuschauerbeteiligung bei der Eröffnungsveranstaltung oder die weltweite Vermarktung. Eines wird durch die Zahlen aber unmißverständlich deutlich: Die vom Fußball aufgestellten Rekorde stellen jedenfalls alles, was der Pferdesport erreichen kann, weit in den Schatten:

Voraussichtlich werden kumuliert mehr als 30 Milliarden Menschen weltweit die 64 Spiele an den Fernsehgeräten verfolgen. Das heißt jeder Mensch der Erde sieht statistisch gesehen ca. fünf Spiele der Weltmeisterschaft im Fernsehen.
Wikipedia-Link» Fußball

Soweit die Unterschiede. Es gibt aber auch viele Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel haben beide Sportarten haben eine enorme wirtschaftliche Bedeutung, wenngleich die Dimensionen, sofern vergleichbar, entsprechend unterschiedlich sein dürften. Und wegen der kommerziellen Interessen kann man den Sport vom Geschäft nicht trennen.

Dass der Fußball mittlerweile auch ökonomisch eine große Bedeutung hat, lässt sich an den Fußball-Weltmeisterschaften erkennen. Die Gastgeber erhoffen sich durch die Ausrichtung des nach den Olympischen Spielen zweitgrößten Sportereignisses der Welt wichtige gesamtwirtschaftliche Impulse.
Wikipedia-Link» Wirtschaftliche Bedeutung

Erwartete 230 Millionen Euro sollen in die Region fließen
Wikipedia-Link» Weltreiterspiele

GP-Sieg für Andreas Helgstrand
Den Grand-Prix-Erfolg und 10 000 Franken Sieggeld sicherte sich der Däne Andreas Helgstrand (29) mit der Schimmelstute Matine.
» WM-Gold für Deutschland in der Dressur

Und dass der Familienvater [...] auch in Zukunft "oben" mitreiten wird, sichert die Einkaufspolitik seines Arbeitgebers: Das Gestüt Blue Hors erwarb gemeinsam mit Paul Schockemöhle im vergangenen Herbst den Sieger der hannoverschen Hengstkörung, Hotline, für 800.000 Euro. Eine Investition in die züchterische Zukunft, aber auch in die Zukunft von Andreas Helgstrand. Ab 2007 steht der Hengst in seinem Stall.
» Die Überraschung des Tages

Der Trend ist unverkennbar: Das Geschäft nimmt immer stärkeren Einfluß auf den Sport. Sportliche Fragen sind deshalb oft in Wirklichkeit kommerzieller Natur.

Goldmedaillen  oben 




Titelverteidigerin:
Nadine Capellmann
Die Fußball-Euphorie hat » Spiegel-Online monatelang geprägt; die Weltreiterspiele aber sind kaum der Rede wert. Sie kamen dort während der gesamten ersten Woche der zweiwöchigen Veranstaltung nur dreimal vor, wobei die Nachrichten einfach von dpa übernommen wurden; zudem wurden diese eingeordnet unter "Sport/Sonstiges". Das sagt eigentlich alles. Pferdesport hat beim Spiegel kleinen hohen Stellenwert.

Der erste Bericht galt dem Sieg der Dressurmannschaft. Zum neunten Mal hintereinander hat die deutsche Mannschaft gewonnen; im Jahre 1970 hatte ausnahmsweise die UdSSR die Goldmedaille geholt. Sonst sind die Deutschen ein ums andere Mal die ewigen Gewinner gewesen und machten dieses Jahr ihrem Namen wieder alle Ehre.

Keine Sensation also, alles wie gehabt. Die Niederländer mußten sich wie üblich mit der Silbermedaille begnügen, waren aber faire Verlierer, wie man folgendem Zitat entnehmen könnte:

Deutschland verwies den Erzrivalen Niederlande mit Olympiasiegerin Anky van Grunsven auf den zweiten Platz (217, 917). "Deutschland hat verdient gewonnen. Wir werden jetzt trotzdem das Silber in einer Aachener Bar feiern", sagte van Grunsven.
» Gold für deutsche Dressur-Equipe

Diese versöhnlichen Töne sind bemerkenswert; es ist noch gar nicht lange her, daß die Wogen hochgingen, und auch während der Weltmeisterschaft war noch etwas davon zu spüren, wie später noch angeführt wird. Anky van Grunsven steht dabei mitten im Geschehen. Seit Jahren sind die Niederländer den Deutschen auf den Fersen, und mehrfach schon hat Wikipedia-Link» Anky van Grunsven die Goldmedaille im Einzel gewinnen können (1994 (Kür), 2006 (Kür)), nie jedoch in der Mannschaft. Auch in diesem Jahr hatten die Niederländer wieder Pech und die Deutschen Hubertus Schmidt, die deutsche Meisterin Heike Kemmer, Wikipedia-Link» Isabell Werth und Wikipedia-Link» Nadine Capellmann waren nicht zu schlagen.

Zwei Tage später dann die Sensation: » Isabell Werth siegt überraschend.

"Ich hatte gehofft, dass "Satchmo" hier seinen Höhepunkt erreicht. Aber dass es wirklich klappt, ist unglaublich", sagte Werth nach dem Triumph über ihr manchmal eigenwilliges Pferd. Erst kurz vor der WM hatte sie umsatteln müssen, da ihr Erstpferd "Warum nicht" verletzt war. [...]

Keine gute Figur machte die deutsche Meisterin Heike Kemmer. Ihr 13 Jahre alter Wallach "Bonaparte" wirkte nervös und zeigte ungewohnte Unsicherheiten. Die 44-Jährige bekam ihr Pferd nicht in den Griff. Mit enttäuschter Miene und gequältem Lächeln ritt sie aus dem Wettkampf-Viereck. Sie belegte am Ende Rang sieben (73, 200), zwei Plätze hinter Titelverteidigerin Nadine Capellmann auf "Elvis" (74, 760), die bei strömendem Regen als Letzte ins Viereck musste. Morgen wollen die Deutschen in der Kür der besten 15 aus dem heutigen Special auch das zweite Einzel-Gold gewinnen.
a.a.O.

So ist das; die Journalisten sehen die Angelegenheit genauso wie die Pferdewelt: Der Reiter muß das Pferd in den Griff bekommen. Das Pferd muß funktionieren, das ist alles. Und in dieser Hinsicht ist der Reiter oft leider nicht ganz Herr der Dinge. So gesehen hat Isabell Werth Glück gehabt. Denn ihr Pferd ist berüchtigt dafür, eben zuweilen nicht funktionieren zu wollen. Man stelle sich vor: Das Weltmeisterpferd Satchmo zum Beispiel ist oft widersetzlich, bis hin zum Steigen!

Ganz schlimm ist es, wenn das Pferd aus gesundheitlichen Gründen ausfällt, wie bei der neuen Weltmeisterin; das favorisierte Pferd konnte einfach nicht mehr. Da ist mit Zwang nichts zu wollen. Kranke Pferde dürfen im Sport nicht eingesetzt werden; das würde ja denn doch zu übel aussehen. Glücklicherweise hatte sie noch ein zweites Pferd zur Verfügung, eben der unberechenbare Satchmo, der wider Erwarten über sich hinauswuchs.

"Warum nicht" ist nicht das einzige Pferd, das verletzungsbedingt ausgefallen ist:

Unterdessen hat Springreit-Olympiasieger Rodrigo Pessoa seinen Start bei den Weltmeisterschaften wegen einer Verletzung seines Pferdes "Balouet du Rouet" abgesagt. Der 17 Jahre alte Hengst leide an einer Meniskusverletzung am rechten Hinterbein, teilte der Titelfavorit aus Brasilien heute mit.
a.a.O.

So ein Pech aber auch. Das Springtalent hatte sich genau wie das Pferd von Isabell Werth in der Box "selbst verletzt". Dabei fürchten Spitzensportler doch immer, daß ihre Pferde sich auf der Weide verletzen, weshalb diese normalerweise auch nie aus der Box herauskommen. Die Verletzungsgefahr in der Box scheint wohl ziemlich hoch zu sein. Das ist aber dumm.

Erinnern Sie sich an die Deutsche Meisterin der Berufsreiter von 2005,  Katrin Bettenworth?

Isabell Werth  oben 



Stall Bettenworth: Gesamtansicht von oben
Vorbildliche Anlage
Die Pferde kommen an erster Stelle. "Die haben hier ein Luxusleben. Im Sommer stehe ich um 4:00 auf und lasse sie raus auf die Weide. Dann setze ich mich auf die Terrasse in die Hollywood-Schaukel und schaue ihnen zu. Um 7:00 kommen sie dann wieder rein und werden gefüttert, geputzt, bewegt, trainiert. Jedes Pferd hat im Sommer drei bis vier Stunden Bewegung, im Winter zwei bis drei."

Was pferdegerechte Haltung betrifft, macht ihr niemand so leicht etwas vor. "Pferde sind Herdenwesen, immer in Bewegung. Die kann man nicht einsperren. Wir haben zwar sehr viel Personalaufwand durch unser System, aber dafür sind unsere Pferde gesund. Wir sparen das bei den Tierarztkosten wieder ein."

Sie kennt natürlich andere Ställe, wo das anders gehandhabt wird. "Da sehen die Pferde nie eine Weide. Manchmal bekommen wir so ein Pferd. Das kommt bei uns natürlich auch raus. Aber dann müssen wir erst einmal einen Partner finden, mit dem es sich verträgt. Das kennen die ja auch nicht."

Sie hat auch nicht so viel Aufwand, die Pferde zu lösen, wenn es an die Arbeit geht. Es ist alles viel einfacher und unkomplizierter, es geht schneller. Die Pferde sind ruhiger, nehmen mehr Anteil, haben mehr Kondition. Sie muß viel weniger einwirken, und die Pferde dürfen auch Fehler machen.
 Glück

Die Reitanlage von Katrin Bettenworth sieht auf der ersten Blick aus wie alle anderen auch: Standardboxen. Die einzige Besonderheit: jeweils ein Paddock. Die Anlage war nämlich einmal von einem Westernreiter eingerichtet worden, und die haben so etwas.

Es ist aber nicht so sehr die Frage, ob man Boxen hat, sondern was man damit macht. Wenn man die Boxen nutzt, damit die Pferde sich ausruhen und erholen und in Ruhe fressen können, nachdem sie ausreichend Weidegang und Training gehabt haben, ist dagegen nichts einzuwenden, im Gegenteil. Die genießen es durchaus, wenn sie sich einmal nicht wegen des Futters auseinandersetzen müssen.

So gehalten, gibt es für Pferde eigentlich keinen Grund, die Boxenwände mit den Hufen zu traktieren, schon gar nicht in einer Weise, die zu einer Verletzung führt. Angesichts des Risikos muß man sich wundern, warum sich Erkenntnisse wie die von Katrin Bettenworth nicht großflächig herumgesprochen haben. Aber vielleicht gehören diese Reiter nicht zu den denkenden Reitern, sondern zu denen, die alles immer so machen, wie man es immer gemacht hat.

Wie sagte Emma Hindle so unschuldig und entwaffnend?

"Wie jedermann glaubte ich, daß Pferde Eisen brauchen, aber schließlich werden sie ohne geboren," scherzt sie.
 Weltmeyer

In diesem Fall ging es darum, daß ihre Pferde unter den Hufeisen litten und sie schließlich in ihrer Not versuchte, ohne diese zu reiten, und dabei feststellte, daß beide Pferde wesentlich besser gingen. Ob ihre Pferde wohl inzwischen wieder beschlagen sind? Man muß es befürchten. Denn nichts ist stärker als die Gewohnheit, die durch Vorurteile, Überlieferung und Gruppendruck gestützt wird.

Nun möchte ich hier beileibe nicht den Eindruck erwecken, als könne Isabell Werth nichts – im Gegenteil. Diese Reiterin ist erfolgreicher als alle anderen und hat immer wieder bewiesen, wie gut sie ist. Nicht nur ist die Liste ihrer sportlichen Erfolge unglaublich lang, ein Ende ist noch gar nicht abzusehen. Dabei hat sie es fertiggebracht, mehrere Pferde so weit zu entwickeln, daß sie mit ihnen regelmäßig gewinnen kann – was nur ganz wenigen Ausnahmereitern bisher gelungen ist, zum Beispiel Wikipedia-Link» Reiner Klimke, Wikipedia-Link» Nicole Uphoff und Anky van Grunsven.

Mit beiden hat sie auch sonst etwas gemein: Sie ist wie Klimke Rechtsanwältin und eineinhalb Jahre jünger als van Grunsven. Sie unterscheidet sich auch von beiden: Sie übt ihren juristischen Beruf nicht mehr aus und hat keine Kinder: Der Ehemann von Anky van Grunsven hat nach ihrem Sieg in der Kür verkündet, daß sie ihr zweites Kind erwartet und im 3. Monat schwanger ist.

Vor allem aber hat sich Isabell Werth von dem Mann emanzipiert, der sie groß gemacht hat: Dr. Uwe Schulten-Baumer sen. Der Grund für die Emanzipation war denkbar banal: Die Stieftochter des Trainers, » Ellen Schulten-Baumer, sah sich als Rivalin, und eine mußte gehen (» Isabell Werth's 2003 Come Back). Diese Loslösung war nicht einfach und hat Zeit gekostet; aber Isabell Werth kennzeichnet sich als Kämpferin, die durch Widerstände stark wird. Bei dieser Weltmeisterschaft hat sie es allen wieder einmal gezeigt.

Nachdem Isabell Werth Anky van Grunsven im Spezial deplaziert hatte, mußte sie in der Kür zurückstehen und sich mit Bronze zufriedengeben. Genau dieses Ergebnis haben die beiden vor zwölf Jahren schon einmal erzielt: Gold für Isabell Werth im Grand Prix Special und Gold für Anky van Grunsven in der Kür. Ein schöner Beweis für die kontinuierliche Leistungsfähigkeit der beiden Reiterinnen.

Rollkur  oben 



Erfolge werden einem nicht in die Wiege gelegt, man muß sie sich erarbeiten. Und wenn man sich jahrelang immer mit dem zweiten Platz begnügen muß, läßt man sich vielleicht etwas einfallen, um die Verhältnisse doch noch wunschgemäß zu ändern. Schließlich ist alles eine Definitionsfrage.


Van Grunsven nahm zwischen 1988 und 2004 fünf Mal an Olympischen Spielen teil. 1992, 1996, 2000 und 2004 gewann sie mit der niederländischen Dressurequipe jeweils die Silbermedaille. In der Einzelkonkurrenz wurde sie 1996 Zweite und bei den Spielen 2000 und 2004 Olympiasiegerin.

Mit der niederländischen Equipe wurde sie bei den Weltreiterspielen 1994, 1998 und 2006 Zweite in der Mannschaftswertung und gewann 1994 (zusammen mit Isabell Werth) die Gold- und 1998 die Silbermedaille im Einzel sowie 2006 die Silbermedaille beim Grand Prix Special.

Ihr Spitzenpferd war bis Sydney 2000 der Wallach Gestion Bonfire, den sie danach ebenso wie Isabell Werth ihren Gigolo in den Ruhestand verabschiedete. Zur Zeit ist ihr Spitzenpferd Keltec Salinero, der schon zehnjährig die Olympischen Spiele in Athen gewann. Mit ihm wurde sie in Las Vegas Weltcupgewinnerin und Europameisterin 2005 im Einzel in Hagen. Gleichzeitig trug sie bei der Europameisterschaft entscheidend zum Gewinn der Silbermedaille hinter Deutschland bei.

Nach ihrem Sieg mit der niederländischen Equipe beim CHIO in Aachen 2005 wurde sie in deutschen Fachmedien angegriffen wegen des Trainings ihrer Pferde, das als Rollkur kritisiert wurde.
Wikipedia-Link» Anky van Grunsven

Die als Wikipedia-Link» Rollkur angesprochene Trainingsmethode ist nicht ihre eigene Erfindung, sondern die ihres Ehemannes Sjef Janssen, der nicht nur sie trainiert, sondern als Nationaltrainer auch für die niederländische Mannschaft zuständig ist. Das australische Horsemagazine charakterisiert ihn wie folgt:

Sjef Janssen is one of the most controversial figures in international dressage. He is an outsider who set about revolutionizing the sport – coming into dressage with no background in horses, he set about devising his own training program – a program that has been spectacularly successful for his partner, Anky van Grunsven, and now for their star student, Arjen Teeuwissen.

Sjef Janssen ist eine der umstrittensten Figuren in der internationalen Dressurszene. Er ist ein Außenseiter, der den Sport revolutioniert hat – ohne klassische Ausbildung entwickelte er sein eigenes Trainingsprogramm – ein Programm, das sich in besonderer Weise für seine Partnerin, Anky van Grunsven, bewährt hat, und nun auch für seinen Meisterschüler, Arjen Teeuwissen.
» Sjef Janssen – His System

Sjef Janssen ist anscheinend ein streitlustiger Mensch, der keine Gelegenheit ausläßt, seine Ziele mit Nachdruck durchzusetzen. So protestierte er gerade erst gegen den Meisterschaftsritt der Erzrivalin Isabell Werth, freilich ohne Erfolg:

Der Coach der niederländischen Dressur-Equipe, Sjef Janssen, hat gegen Isabell Werth´s Ritt mit Satchmo Protest eingelegt. Eine Kamera soll die Position gewechselt haben, während Werth im Viereck war. Mariette Whitthages, Vorsitzende des FEI Dressurausschusses, erklärte, dass dieser Protest keinerlei Auswirkungen auf die Medaillen-Vergabe habe. Gold bleibt damit in den Händen der deutschen Dressurreiter. Der Fall wurde vor dem Schiedsgericht geklärt. Der Protest wurde abgelehnt.
» Protest gegen Isabell Werth; siehe auch » Sjef Janssen zieht "Befangenheits"-Antrag zurück

Wie schon die Proteste gegen die Weltmeisterschaft von Michael Freund (» Michael Freund bleibt Weltmeister, » Michael Freund nachträglich disqualifiziert) und andere, ähnliche Vorkommnisse, z. B. anläßlich der Olympischen Spiele in Athen (Wikipedia-Link» Bettina Hoy), zeigten, werden zunehmend außersportliche Mittel eingesetzt und ausgeschöpft, um die erstrebten Ziele zu erreichen. Warum? Was steckt dahinter? Sind nicht die Regeln klar? Ist man sich nicht hinsichtlich der Ziele einig?

Profit  oben 



Offensichtlich prallen hier unterschiedliche Interessen aufeinander. Worum geht es eigentlich bei dieser Methode?

Mit dem Begriff Rollkur wird beim Dressurreiten eine Trainingsmethode bezeichnet, die durch ein Herabziehen der Pferdenüstern auf die Brust gekennzeichnet ist. Dieser Begriff wurde international bekannt, als die deutsche Zeitschrift "St. Georg" im August 2005 diese Trainingslehre des „tiefen Einstellens” scharf rügte. Sie wird besonders bei niederländischen Dressurreitern praktiziert, die damit zu großen Erfolgen kamen. Nachdem Kritiker diese Methode als „Irrweg” und sogar als Quälerei bezeichneten, weil es zu Verletzungen des Pferdes kommen könne, führte die Internationale Reitervereinigung FEI im Januar 2006 einen Expertenanhörung durch. Dort kam man zu dem vorläufigen Schluss, dass es keine wissenschaftliche Hinweis dafür gebe, dass die Methode bei Verwendung durch geschulte Trainer schädlich sei, doch könne die Technik schädlich für das Pferd sein, wenn sie von unerfahrenen Leuten angewendet werde.

Da das deutsche Wort "Rollkur" auch auf internationaler Ebene in der Diskussion verwendet wurde, entstand auf der Tagung der Vorschlag, die Methode verständlicher zu benennen als "Hyperflexion of the neck", übersetzt: "Überdehnung des Halses". Was damit gemeint ist, wurde definiert als "Hyperflexion des Halses ist eine Ausbildungsmethode, um einen Grad von Längsbiegung im mittleren Halsbereich zu erreichen. Hyperflexion kann von einem Pferd über einen längeren Zeitraum nicht gehalten werden."

Aus der Sicht der Gegner der Methode trifft die Definition des FN-Tierarztes Dr. Düe den Sachverhalt besser: "Hyperflexion ist die exzessive Beugung eines oder mehrerer Gelenke, die dazu geeignet ist, Verletzungen herbeizuführen".
Wikipedia-Link» Rollkur

Die Situation könnte nicht undurchsichtiger sein. Die FEI berief aufgrund des aufsehenerregenden, scharfen Artikels der St. Georg eine Expertentagung ein, gegen deren Ergebnis die FN durch ihren Generalsekretär sofort protestierte (» Umstrittene Trainingsmethode in der Diskussion). Was ist hier Polemik, was Tatsache?

Bekanntlich können Pferde nicht signalisieren, daß sich Schmerzen empfinden. Man kann Pferde also sehr leicht quälen, ohne daß man selbst oder andere darauf aufmerksam werden würden. Nun möchte natürlich niemand als Pferdequäler hingestellt werden. Janssen beruft sich auf seine Tierärzte, die feststellen, daß die Spitzenpferde seiner Frau, die zehn bzw. sieben Jahre lang nach dieser Methode ausgebildet worden sind, keinerlei krankhafte Veränderungen zeigen:

That there was clearly no evidence that structural damage is created by this training exercise, when used in the right way by expert riders, was illustrated by Dr Emile Welling. He showed x-rays of both Anky van Grunsven’s Olympic champions, Bonfire, now 23, and Salinero. [...] Neither x-rays showed any abnormalities in the cervical region.

Daß es keinerlei Hinweise auf strukturelle Schäden durch diese Trainingsmethode gibt, wenn sie in der richtigen Weise von erfahrenen Reitern angewendet wird, wurde durch Dr. Emile Welling illustriert. Er präsentierte Röntgenaufnahme der beiden Olympia-Pferde von Anky van Grunsven, nämlich von Bonfire, jetzt 23, und von Salinero. [...] Keine der Aufnahmen zeigte irgendwelche Veränderungen in der Halsregion.
» Horse International: Evidence proves that, in the right hands, hyper-flexion is not abuse

Diese Aussagen können sicher nicht bezweifelt werden, beweisen jedoch keineswegs, daß die Pferde keine Schmerzen leiden. Das eine hat mit dem anderen schlicht nichts zu tun. Und wenn jemand mit einer Methode Erfolg hat, beweist das ebenfalls keineswegs, daß die Methode als solche schon unstrittig ist. Man muß sich wundern, daß Experten solche grundlegenden Denkfehler unterlaufen.

Ich fürchte, ich muß die Hintergründe, Argumente und Gegenargumente etwas genauer untersuchen, um den Streit einigermaßen verstehen zu können. Das verschiedene ich aber besser auf nächste Woche.

Inhaltsverzeichnis Magazin oben 

Magazin  Magazin: Das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 387 vom 20.05.2012
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